D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

Sozialistisches Kompentium 2009

 

Interview von Frank Bsirske mit dem DLF am 08.10.09

Jürgen Liminski: Ich begrüße am Telefon Frank Bsirske, den Vorsitzenden von ver.di. Guten Morgen, Herr Bsirske.

Bsirske: Guten Morgen, Herr Liminski.

Liminski: Herr Bsirske, für die Menschen, nicht gegen die Menschen, dagegen können Sie eigentlich nicht viel sagen. Woran werden Sie die Wohltaten für die Menschen messen?

Bsirske: Dagegen kann man nicht nur nicht viel sagen, sondern dagegen kann man gar nichts sagen. Das Problem ist nur: Welche Menschen sind gemeint? Sind zum Beispiel die Menschen gemeint, die im Armutslohnsektor arbeiten für Stundenlöhne von fünf Euro brutto und weniger? Das sind zwei Millionen Menschen in unserem Lande. Sind die in der Leiharbeit arbeitenden gemeint, wo wir sehen, die Kluft zwischen den Löhnen, die sie bekommen, und den Löhnen der Stammarbeiter liegt bei Fachkräften bei 30 Prozent, bei Hilfskräften zwischen 40 und 50 Prozent? Sind die gemeint, oder sind die reichen Erben gemeint, die ohne dafür irgendeine Leistung erbracht zu haben, künftig 1,4 Billionen Euro erben werden, sagt das Bundesfinanzministerium bis 2015? Wer soll Empfänger der Wohltaten sein? Ich finde, diese Frage sollte Herr Pofalla dann auch beantworten.

Liminski: Die Regierung will die Menschen entlasten, die FDP um 35 Milliarden. Das müssten Sie doch auch unterstützen. Oder sind Sie gegen Steuersenkungen?

Bsirske: Nein, ich bin überhaupt nicht gegen Steuersenkungen, insbesondere Stichwort kalte Progression. Im unteren und mittleren Bereich gibt es dafür gute Gründe. Nur die entscheidende Frage ist: Ist das gegenfinanziert, oder läuft das auf eine weitere Unterhöhlung staatlicher Handlungsfähigkeit hinaus? Das wäre ganz schlecht, weil das läuft dann in Privatisierung und in eine Lähmung des Sozialstaates hinein und das wäre aus meiner Sicht jedenfalls das Letzte, was wir in dieser Krisensituation gebrauchen können.

Liminski: Für die Konjunktur ist wichtig, dass die Kaufkraft der breiten Mittelschicht erhöht wird. Das haben Sie ja eben auch angedeutet. Die ersten Beschlüsse deuten nun darauf hin: Erhöhung des Grundfreibetrages auf 8000 Euro, vielleicht kommt auch noch eine Erhöhung des Kindergeldes dazu. Tragen Sie das mit?

Bsirske: Dagegen lässt sich nichts sagen, wenn es vernünftig gegenfinanziert ist. Wir haben ja auch eine Debatte zum Schonvermögen, wir haben eine Debatte zu Zuverdienstgrenzen, aber da wird schon wieder deutlich, dass da unter der Hand im Grunde ein Bild von der Gesellschaft vorhanden ist, als würde es an Arbeitsbereitschaft vor allen Dingen mangeln und nicht etwa vor allem an Arbeitsplätzen. Da wird im Grunde das Bürgergeld von der FDP in die Diskussion gebracht und wenn man genau hinguckt, dann wird das am Ende den Hartz-IV-Empfängern weniger bringen als die jetzige Konstruktion, und das in einer Lage, wo wir eigentlich dringend eine Aufstockung der Hartz-IV-Leistungen bräuchten auf ein Niveau von etwa 435 Euro mindestens, so wie die Wohlfahrtsverbände das schon lange fordern.

Liminski: Nun haben wir ein Problem mit den Finanzen, das ist ja unbestreitbar: Wo nichts ist, kann auch nichts verteilt werden. Welche Alternative schlagen Sie denn vor?

Bsirske: Die starken Schultern in der Gesellschaft stärker zu belasten, als das bisher der Fall ist. Wir liegen ja, was die Steuer- und Abgabenbelastung angeht, im Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt der Europäischen Union, deutlich unter dem Durchschnitt der Industriestaaten, und das liegt nicht etwa daran, dass die Sozialabgaben für die Arbeitnehmer zu niedrig wären, oder auch die Steuerbelastung in diesem Bereich zu gering wäre; es liegt daran, dass große Vermögen, große Erbschaften, dass Grundbesitz sehr, sehr viel geringer besteuert wird in unserem Land als in praktisch allen anderen Vergleichsländern, vielleicht mit Ausnahme Österreichs, und da sieht man, dass diese Unwucht, dieses Ungleichgewicht dazu führt, dass wir viele gesellschaftliche Aufgaben, die dringend angepackt werden müssen, in der Bildung, im Umweltsektor, bei öffentlichen Infrastrukturinvestitionen, nicht bewältigen können. Hier muss gegengesteuert werden und hier müssen die starken Schultern in der Gesellschaft sehr viel stärker herangezogen werden zur Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben, als das bisher der Fall ist.

Liminski: Also konkret: Sie wollen die Erbschaftssteuer erhöhen?

Bsirske: Ja, natürlich! Wir leben, was die Besteuerung großer Erbschaften angeht, in einer Steueroase im internationalen Vergleich und das ist nicht akzeptabel. Die Koalition wirkt genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie will die Erbschaftssteuer schleifen, in die Länderkompetenz übertragen. Der bayerische Finanzminister sagt, na ja, dann werden wir sie anschließend abschaffen in Bayern und dann sollen doch die Berliner, wenn sie sie beibehalten, mal sehen, wo sie bleiben. Ich finde, das ist Umverteilung von unten nach oben, die Fortsetzung einer Politik, die wir in den letzten Jahren bis zum Überdruss erlebt haben, und das ist genau die falsche Richtung.

Liminski: Erbschaftssteuer schleifen, sagen Sie. Mit dem flächendeckenden Mindestlohn ist es vorläufig auch vorbei, auch die Rente mit 67 wird wohl bleiben, dafür wird der Kündigungsschutz vielleicht gelockert und das Bürgergeld eingeführt. Wo hört für Sie der soziale Friede auf?

Bsirske: Wenn die Umverteilungspolitik mit einem Sozialabbau kombiniert wird, der frontal gegen die Interessen der arbeitenden Menschen, der Rentnerinnen und Rentner und der Arbeitslosen gerichtet ist, wobei ich allerdings auch sagen muss, dass diese Koalitionsverhandlungen ja sehr stark unter dem Vorbehalt gewissermaßen der nordrhein-westfälischen Landtagswahl stehen. Da wird ja weiter gewissermaßen gezaudert, gezögert und da lässt man nicht raus, was an politischen Perspektiven eigentlich diese Koalition über den Tag hinaus prägen wird. Da gilt, dass die Positionen sehr zurückhaltend formuliert werden, und insofern glaube ich, dass die Koalitionsvereinbarung das, was diese Koalition sich tatsächlich für die nächsten vier Jahre vornimmt, nicht vollständig widerspiegeln wird.

Liminski: Im Winter ist wahrscheinlich mit mehr Arbeitslosen zu rechnen. Wenn das nun so kommt, ab wie vielen Arbeitslosen gehen Sie denn auf die Straße?

Bsirske: Entscheidend ist ja, wofür eigentlich eingetreten werden soll, und da muss man ja einfach sehen: Das deutsche Wachstumsmodell war ja sehr stark exportgetrieben und es hat, um Exporterfolge erzielen zu können, eine Schwächung der Binnennachfrage in Kauf genommen, auch die Löhne zu drücken in Kauf genommen. Dieses Modell ist allerdings jetzt selbst in die Krise geraten, weil diejenigen, die mit ihren Leistungsbilanzdefiziten, ihrer Verschuldungsbereitschaft und -fähigkeit die deutschen Exportüberschüsse finanziert haben, die Amerikaner, die Südeuropäer, die Mittelosteuropäer, in der Form wie vor der Krise nicht mehr zur Verfügung stehen. Deswegen wird es darum gehen müssen, eine neue Balance zu erreichen zwischen Export und Binnennachfrage, und man muss viel mehr tun für die Binnennachfrage. Das verlangt öffentliche Investitionen in Bildung, in Umwelt, in öffentliche Infrastruktur, das verlangt, die Massenkaufkraft zu stärken, gesetzlicher Mindestlohn ja, Hartz IV nach oben, und das verlangt im Grunde, auf der Finanzierungsseite eine solche Strategie einzubetten in eine Stärkung der öffentlichen Einnahmen und eine stärkere Heranziehung der starken Schultern in der Gesellschaft für die Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben. Für ein solches Konzept, denke ich, wird man über kurz oder lang den Druck in der Gesellschaft erhöhen müssen, denn die Alternative dazu ist, weiter zu machen wie bisher und eher auf eine noch aggressivere Exportstrategie zu setzen, was allerdings nach innen bedeutet, die sozialen Konflikte zuzuspitzen, und nach außen zu unseren Handlungspartnern bedeutet, sie noch stärker an die Wand zu bringen, als das bisher der Fall war. Das funktioniert nicht und das wird dann auch Ausgangspunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen werden. Da bin ich ganz sicher.

Liminski: Den Druck erhöhen. Wie schätzen Sie denn die Stimmung in der Arbeitnehmerschaft heute ein? Ist sie ängstlich, oder eher kampfbereit?

Bsirske: Sie ist eher von dem Motiv der Sicherung geprägt, anders als noch zur Jahreswende 2007/2008, wo ja das Moment der Gerechtigkeit eine ganz, ganz starke Rolle spielte, als große Mehrheiten in der Bevölkerung sagten, es geht in dieser Wirtschaft nicht mehr gerecht zu. Das was unten passiert und das was oben passiert, das steht in keinem vernünftigen Verhältnis mehr. Das ist durch die Krise dadurch abgelöst worden, dass das Thema Sicherung, Sicherheit eher nach vorne gekommen ist. Das, finde ich, war prägend für diese Wahl und das ist auch nach wie vor prägend für die Situation der kommenden Monate. Die Menschen wollen Sicherung für ihre Arbeitsplätze, für die vorfindbaren Bedingungen. Das Moment der Gerechtigkeit ist noch da, aber es ist gewissermaßen etwas in den Hintergrund getreten.

Liminski: Haben Sie einen Zeitplan für Proteste, sofern Sie das für notwendig halten? Winter, Frühjahr?

Bsirske: Wir warten jetzt erst mal ab, was die Koalition auf den Tisch legt. Wir warten ab, wie sich dann die Dinge Richtung der nordrhein-westfälischen Landtagswahl entwickeln. Wenn hier wider Erwarten schon jetzt auf sozialen Kahlschlag gesetzt würde, dann würden sich ganz sicher auch die Proteste formieren, denn es gibt ein starkes gesellschaftliches Widerlager gegen eine Politik des ungebremsten Sozialabbaus. Da darf sich niemand etwas vormachen. Aber ob das jetzt schon so zugespitzt formuliert wird, da habe ich meine Zweifel vor dem Hintergrund des Wahltermins in Nordrhein-Westfalen.

Liminski: Befürchtungen um den sozialen Frieden. Das war der Vorsitzende der Gewerkschaft ver.di, Frank Bsirske. Besten Dank für das Gespräch, Herr Bsirske.

Bsirske: Ich bedanke mich auch.