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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Hans-Dietrich Genscher „20 Jahre Mauerfall“, Gesamteuropäische
Verantwortungspolitik und globale Kooperation Leipzig, 13. August 2009 wir treffen uns in Leipzig, der Stadt der
friedlichen Freiheitsrevolution des Jahres 1989. Heute ist der 48. Jahrestag
der Errichtung der schändlichen Mauer in Berlin. Damals, am 13. August 1961,
gaben die Machthaber in Ostberlin den Wettkampf der Systeme verloren. Weil
die Bürger in Scharen das Land verließen, mauerte man sie ein. Auf die, die
es dennoch versuchten, wurde geschossen. Der Toten an der Mauer gedenken wir
an diesem Tage. Im
Jahr 1989 haben die Bürger die Mauer, die Deutsche daran hindern sollte von
Deutschland nach Deutschland zu gehen, friedlich zum Einsturz gebracht. Die
Friedrich-Naumann-Stiftung hat mit Leipzig den richtigen Ort und das richtige
Datum gewählt für das Thema: „20 Jahre Mauerfall, Gesamteuropäische
Verantwortungspolitik und globale Kooperation“, das knüpft an, an die
Verantwortung, die sich aus der Chance des Jahres 1989 ergibt. Leipzig ist
die Stadt des 9. Oktober 1989, der zu den Höhepunkten der deutschen
Freiheitsgeschichte gehört. Hier
entschied sich die Frage: Freiheit oder Unterdrückung? Hier
riefen freiheitsbewusste Bürger an jenem Oktobertag 1989: „Wir
sind das Volk!“ Und
daraus wurde: „Wir sind ein Volk!“ Und
hier fand die schicksalhafte Verbindung zwischen der Freiheits- und der
Friedensbotschaft in den Worten Ausdruck: „Wir
sind das Volk!“ „Keine Gewalt!“ Diese
Tage sind verbunden mit zwei Namen: Pfarrer Christian Führer, der Pfarrer der
Nikolaikirche, führte in der Zeit der Not und der Bedrängnis die Menschen in
seiner Kirche zusammen. Seine Kirche als Ort des Friedens unter dem Kreuz
wirkte hinaus in die Stadt. Sie wirkte auf Demonstranten und auch auf
diejenigen, die ihnen entgegengestellt wurden. Kurt
Masur, der Dirigent des Gewandhausorchesters, der geniale Beethoveninterpret,
stellte sich in der Stunde der Entscheidung und der Bewährung der
Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft. In einem historischen
Augenblick der deutschen Geschichte verließ er das Pult des Dirigenten und
betrat für kurze Zeit die Bühne der Politik. Der Beethoveninterpret ließ
Beethovens Freiheitsvermächtnis Wirklichkeit werden. Hier in der Stadt
Leipzig schrieb im Jahre 1785 –also vier Jahre vor der Französischen Revolution
– Friedrich Schiller sein „Lied an die Freude“. Zusammen mit Beethovens Musik
wurde es zur Hymne des freien Europas. Hier in Leipzig wirkte in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts Robert Blum, der als Abgeordneter der Frankfurter
Nationalversammlung unter Bruch seiner Immunität von der Restauration in Wien
zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde noch 1848 in Wien vollstreckt. Aber
Blums Freiheitsbotschaft wirkt bis in die Gegenwart hinein. Hier in Leipzig –
in der Stadt der deutschen Freiheitsrevolution von 1989 - wirkte von 1946 –
1948 der liberale Student Wolfgang Natonek als Vorsitzender des
Studentenrates. Obwohl Verfolgter des Dritten Reiches wurde
er 1948 verhaftet und zu einer langjährigen Zuchthausstrafe
verurteilt. Wenn
wir also über „Gesamteuropäische Verantwortungspolitik und globale
Kooperation“ sprechen wollen, dann tun wir das heute in der Stadt, in der
1989 Freiheit, Frieden und Verantwortung zu einem Dreiklang wurden für den
alles überragenden Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die
Würde des Menschen ist unantastbar.“ 1952
rief Thomas Mann der deutschen Jugend zu: „Was wir wollen ist nicht ein
deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.“ Das war die Absage
an die Vorherrschafts- und Rivalitätspolitik der Vergangenheit. Es war die
Hinwendung zu der europäischen Verantwortung der Deutschen. Sie hat ihre
Wurzel nicht nur in unserer Geschichte, nicht nur im Auftrag der Aufklärung,
sondern auch in unserer geografischen Lage, als Land im Herzen Europas, als
das Land mit den meisten Nachbarn. Paul Claudel, der französische Literat und
Diplomat, schrieb 1945 unmittelbar nach dem Kriege einen Brief an die
Deutschen, darin hieß es "Ihr Deutschen sollt Europa nicht beherrschen
wollen, sondern Ihr solltet den Völkern um Euch herum bewusst machen, dass
die Europäer nur gemeinsam eine Zukunft haben." Niemand
konnte das trefflicher formulieren als Bronislaw Geremek am Morgen nach dem
Fall der Mauer, am 10.11.1989, als er mir in Warschau sagte: „Der Fall der
Mauer, das bedeutet die Einheit Deutschlands. Das ist nicht nur ein großer
Tag für die Deutschen, sondern auch für uns Polen. Wenn Deutschland vereint
sein wird, wird Polen Nachbar sein von EU und NATO.“ Heute ist Polen Mitglied
von beiden. Die Freiheitsrevolution von 1989 war eben nicht nur eine
deutsche, sondern eine europäische Freiheitsrevolution. Immer wieder hatte es
nach dem 2. Weltkrieg revolutionäres Aufbegehren gegeben gegen sowjetische
Vorherrschaft, gegen kommunistische Unterdrückung der Freiheit. 1953
in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei. Immer wieder in
Polen mit dem Höhepunkt von Solidarnosc. 1989 war alles anders, 1989 erlebten
wir eine europäische Freiheitsrevolution. Die Mauer wurde vom Osten her zum
Einsturz gebracht hier in Leipzig, in Berlin, in Warschau und in Danzig. In
Prag und in Budapest und mit der Revolution von oben in Moskau. Der Westen
konnte stabile Rahmenbedingungen schaffen mit der europäischen Einigung, mit
dem westlichen Bündnis, mit den deutschen Ostverträgen und mit der KSZE, aber
die friedliche Freiheitsrevolution war das Werk von mutigen Bürgerinnen und
Bürgern, die mit Verantwortung und mit Augenmaß für die Freiheit eintraten. Niemals
dürfen wir vergessen, dass sich 1989 die Völker Europas so nahe waren, wie
niemals zuvor in ihrer Geschichte. Das ist das Vermächtnis dieser großen
europäischen Freiheitsrevolution. Was
ist davon geblieben, müssen wir uns heute fragen? Die Europäische Union hat
nach 1989 zwei große historische Entscheidungen getroffen und vollzogen. Sie
hat sich für die Aufnahme der Demokratien in Mittel- und Südosteuropa
entschieden und damit die ausgestreckte Hand unserer östlichen Nachbarn
ergriffen. Und sie hat mit der Entscheidung für eine europäische Währung die Unumkehrbarkeit
des europäischen Einigungs- und Integrationsprozesses besiegelt. War
es das, so muss man fragen? Das darf es nicht gewesen sein, denn die
Unumkehrbarkeit dieses Prozesses verlangt auch die Dynamik seiner
Fortentwicklung. Das muss heute beachtet werden, wenn es jetzt um die
Inkraftsetzung eher bescheidener Integrationsfortschritte geht, das heißt um
das Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages. Das
Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil vom 30. Juni 2009 die
Verfassungsmäßigkeit des Lissabon-Vertrages bestätigt. Seine Ausführungen in
dem Urteil und zu dem Begleitgesetz sind geeignet, Gegner der europäischen
Einigung zu ermutigen. In einer erstaunlichen Weise hat das
Bundesverfassungsgericht die Bedeutung der Präambel des Grundgesetzes
verkannt. Diese Präambel erteilt den Verfassungsauftrag an die Bundesrepublik
Deutschland, „als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem
Frieden der Welt zu dienen“. Hier handelt es sich nicht, wie das
Verfassungsgericht meint, um eine Ermächtigung, sondern um einen Auftrag. Die
Finalität dieses Verfassungsauftrages ist – und das zu Recht – von der
Verfassung nicht definiert. Das heißt, die europäische Integration ist im
Ergebnis offen, sie ist weder zeitlich noch inhaltlich begrenzt. Wohl aber
handelt es sich um einen Prozess, den mit Auflagen zu versehen das
Grundgesetz vermieden hat. Es hat sich damit als weitsichtiger erwiesen, als
60 Jahre später seine Karlsruher Interpreten. Sie lassen den Eindruck
entstehen, ihr Auftrag sei es, als Gralshüter des Nationalstaates im
Verständnis des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zu urteilen. Es war aber
gerade die Auffassung des Verfassungsgesetzgebers, der Phantasie der
Geschichte keine Fesseln anzulegen. Offensichtlich
hat Karlsruhe den Prozesscharakter der europäischen Integration nicht
erkannt, es hat ein Einfallstor für die Gegner der Integration geöffnet. Nicht
weniger erstaunlich ist die Gleichstellung der Mitgliedschaft der Bundesrepublik
Deutschland in den Vereinten Nationen "mit der Beteiligung an der
europäischen Einigung“, wie es das Gericht formuliert. Das Verfassungsgericht
übersieht, dass das Grundgesetz die europäische Einigung versteht als Weg und
Rahmen deutscher Politik der Friedenssicherung. Deutlicher als mit den Worten
„als gleichberechtigtes Mitglied in Europa dem Frieden der Welt zu dienen“,
konnte es unsere Verfassung nicht ausdrücken. Das
Missverständnis des Integrationsauftrages ohne Begrenzung und seine Umdeutung
in eine begrenzte Integrationsermächtigung führt auch zu anderen Auflagen,
die in ihrem Ergebnis und bei extensiver Auslegung zu einer Lähmung der
Bundesregierung in der europäischen Politik führen könnten. Es wird jetzt
sehr viel Verantwortung in Bundesrat und Bundestag notwendig sein, um die
europapolitische Handlungsfähigkeit der Bundesregierung sicherzustellen. Gleichzeitig
ist es erforderlich, einen permanenten Konflikt zwischen dem
Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof auszuschließen. Vorschläge
dafür liegen auf dem Tisch, sie verdienen ernsthafte Prüfung. Auch in einem
Bundestagswahlkampf, dürfen die psychologischen und politischen Auswirkungen
des Urteils des Bundesverfassungsgerichts nicht zu Zweifeln an der
Europafähigkeit Deutschlands führen können. Das wäre das Ende der
Europäischen Union. Europa ist unser Schicksal und es ist unsere Zukunft. Das
Bundesverfassungsgericht hat sich bewährt als Hüter der Verfassung. Es hat
mit vorzüglichen Urteilen immer wieder den Staat dort in seine Schranken
verwiesen, wo er den Versuch machte, Bürgerrechte einzuschränken. Es ist zu
hoffen, dass die Debatte über das Urteil, die gerade erst begonnen hat,
Anlass sein wird für eine Selbstprüfung auch des Gerichts. Nichts
wäre schädlicher für unser Land nach innen und außen, wenn die hoffentlich
sachlich geführte Debatte zu einer Beschädigung des Ansehens des
Bundesverfassungsgerichts oder gar zu einem Verfassungskonflikt führen würde. Hier
ist in besonderer Weise auf der Seite der Politik Staatskunst gefordert. Die
Europafähigkeit Deutschlands darf nicht in Zweifel gezogen werden können. Europa
steht vor großen Herausforderungen. Nicht alle Chancen aus der großen Wende
des Jahres 1989 wurden genutzt. Aber die Geschichte gewährt keine Pause und
erst recht gibt es kein Ende der Geschichte. In einer immer enger
zusammenwachsenden interdependenten Welt stellen sich globale
Gestaltungsaufgaben in einem Ausmaß, wie das vorher niemand für möglich
gehalten hätte. Sehr bald nach Ende des Kalten Krieges war im Westen schon
eine prinzipielle Debatte geführt worden über die Frage, ob die Bipolarität
des Kalten Krieges, der Gegensatz Washington-Moskau also, abgelöst wird von
einer unipolaren Weltordnung: Fokussiert auf und dominiert von Washington. Oder,
ob eine multipolare Weltordnung entsteht, mit Kraftzentren in verschiedenen
Teilen der Welt. Das war die erste strategische Debatte über Struktur und
Gestalt einer globalen Weltordnung. Leider gab es dazu keine einheitliche
europäische Auffassung, die nachhaltigen Einfluss hätte nehmen können auf die
amerikanische Diskussion mit der Fixierung der Bush jr.-Administration auf
das unipolare Modell. Auch in Deutschland wurde Zurückhaltung mit politischer
Weitsicht verwechselt. Die Geschichte hat die Frage längst beantwortet. Die
Multipolarität ist Realität und die Notwendigkeit globaler Kooperation ergibt
sich daraus zwingend. Es
war der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton, der nach dem Ausscheiden
aus seinem Amt zu Recht feststellte, dass Amerika heute in jeder Hinsicht das
stärkste Land der Welt sei. Der sein Land ermahnte, dieses Gewicht zu nutzen,
um eine neue Weltordnung zu schaffen, in der Amerika sich auch dann noch wohlfühlen
könne, wenn es nicht mehr das stärkste Land der Welt sei. Eine solche
Weltordnung kann aber nur Bestand haben, wenn sie kooperativ geschaffen wird
unter Teilnahme der bestimmenden Regionen der Welt von heute. Dabei
sind Europa und Nordamerika gut beraten, wenn sie die transatlantische
Partnerschaft als Stabilitätsanker einer solchen Weltordnung verstehen. Europa
kann einen besonderen Beitrag leisten, wenn es seine Erfahrungen nach dem 2.
Weltkrieg beim europäischen Einigungsprozess in die globale
Gestaltungsdebatte einbringt. Essentiell für den Erfolg der europäischen
Einigung war das Verständnis, dass die Mitglieder der europäischen
Gemeinschaft, unabhängig von ihrer Größe, gleichberechtigt und ebenbürtig
sind. Die Lehren der europäischen Geschichte, die über Jahrhunderte bestimmt
war von Rivalitäten und Vorherrschaftsdenken der großen europäischen Mächte,
wurden bei der Gründung der EG beherzigt. Der Glücksfall, dass die sechs
Gründerstaaten, drei kleinere und drei größere waren, mag das erleichtert
haben. Europa
hat im wahrsten Sinne des Wortes aus der Geschichte gelernt. Die neue
Weltordnung wird sich auf diese Einsichten stützen müssen. Die grundlegendste
davon ist, dass Größe nicht mehr Macht gewährt, sondern mehr Verantwortung
auferlegt. Das bedeutet im Grundverständnis der neuen Weltordnung: Es gilt
die Stärke des Rechts und nicht das Recht des Stärkeren. Präsident Obama hat
alles das erkannt. Er hat in bedeutenden Reden so in Prag und in Kairo der amerikanischen
Außenpolitik eine neue Richtung gegeben und damit den USA weltweit das Gehör
verschafft, dass die Bush-Administration verspielt
hatte. Man hätte erwarten dürfen, dass Europa Obama zur Seite tritt. Tut er
nicht das, was viele von uns sich früher gewünscht hatten? Aber das
offizielle Europa ist zurückhaltend bis schweigsam. Doch Obama braucht die
Unterstützung der europäischen Verbündeten der USA. Er braucht sie gegen die
Kräfte alten Denkens in den USA. Sie tun heute alles, um die neue Politik
Washingtons zu behindern. Und das obwohl sie eine Erbschaft hinterlassen
haben wie wohl niemals zuvor in der amerikanischen Geschichte. Die
Menschheit steht heute vor drei Alternativen: Die
erste ist ein globales Chaos ohne Regeln, ohne Sanktionen und ohne
Verantwortung – das ist die Chaosoption, in der allein das Recht des
Stärkeren gilt. Die
zweite ist die gefährliche Illusion, ein Land könne Kraft seiner militärischen
und wirtschaftlichen Stärke die globalen Regeln nach eigenem Ermessen
bestimmen, ohne ihnen selbst unterworfen zu sein, und es könne die
Regelverstöße nach eigenem Ermessen sanktionieren – das ist die
Vorherrschaftsoption. Solche Bestrebungen gibt es global, aber es gibt sie
auch regional. Beide Optionen bergen den Kern schwerer Erschütterungen der
globalen Stabilität in sich. Die
dritte Option schließlich ist die globale Kooperation auf der Grundlage von
Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit der Völker, der Staaten und der
Regionen – das ist die Kooperationsoption, die man auch als die europäische
Option bezeichnen könnte. Sie sollte der europäische Entwurf sein, für die
globale Strategiedebatte. Niemand soll sich täuschen, wir erleben derzeit
tektonische Aufbrüche von globalem Ausmaß. Sie erfordern weitsichtiges und
verantwortungsvolles Handeln. Wieder einmal muss festgestellt werden, nichts
wird mehr so sein, wie es war. Die Zeit ist vorbei für Kolonialismus,
Neokolonialismus und Vorherrschaftsdenken in welchem Gewande sie immer
auftreten mögen. Längst
haben die neuen Global-Player, wie China, Indien und Brasilien, längst haben
die regionalen Zusammenschlüsse außerhalb Europas, aber auch unser sich auf
sich selbst besinnender europäischer Nachbar Russland die Schwellen
überschritten, die sie einst in einem zweiten oder dritten Rang einstuften. Gerade
angesichts der Dramatik der Finanzkrise und ihrer Auswirkungen müssen nun
endlich die gebotenen Schlüsse für eine Weltordnung der globalen
Interdependenz gezogen werden. Am Horizont erscheinen erste Hoffnungsschimmer
und schon schwindet die Neigung, die Regelungen zu schaffen, die eine
Wiederholung der Katastrophe verhindern können. Es ist Europas Verantwortung
alles dafür zu tun, dass die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Nicht
allein im europäischen Interesse, sondern im Weltinteresse. Globalisierung
bedeutet eben auch globale Nachbarschaft, aller mit allen. Es gibt keine
entfernten Gebiete und Ereignisse mehr. Diese Nachbarschaft in der Welt von
heute und morgen ist verpflichtende Nachbarschaft. Es geht um eine
Weltnachbarschaftsordnung. Mit dem Verständnis, dass das Wohlergehen des
einen, auch dass der anderen bedeutet. Man könnte auch von einer
solidarischen Nachbarschaft sprechen, so wie das eines der Grundprinzipien
der Europäischen Union ist. Die
nach dem Kalten Krieg entstandene, seit einigen Jahren erodierende Sicherheitsarchitektur
für Europa muss revitalisiert werden. Andere Regionen müssen
Sicherheitsarchitekturen nach der Grundidee der KSZE schaffen und weltweit
muss das Schritt für Schritt entwickelt werden. Die Gefahr der Ausbreitung
von Atomwaffen wird größer, auch wegen der vertragswidrigen, ungezügelten
Entwicklung der Atompotentiale der großen Atommächte. Der Ausstieg aus schon
getroffenen Vereinbarungen bedeutete einen Rückfall in altes Denken. Wer
wollte den Mahnruf von Henry Kissinger, von George Shultz, von Sam Nunn und
William Perry nach vollständiger atomarer Abrüstung überhören! Präsident
Obama hat die Beseitigung aller Atomwaffen zum Ziel seiner Regierung gemacht.
Das offizielle Echo aus Europa ist matt. Eigene Vorschläge Europas fehlen. Es
bleibt Persönlichkeiten, die früher Verantwortung getragen haben, überlassen,
sich dazu positiv und konstruktiv zu äußern. In gleicher Weise sind auch
konventionelle Abrüstungsvereinbarungen notwendig. So
wie die Frage nach Unipolarität oder Multipolarität zur Schicksalsfrage für
die Menschheit geworden ist, so ist es genauso eine Schicksalsfrage, ob wir
die Finanzkrise nutzen, um jetzt die Gestaltung aller Bereiche des globalen
Zusammenlebens obenan auf der internationalen Agenda behandeln. Da geht es um
die Schaffung einer globalen Stabilitätsarchitektur. Sie muss alle
Lebensbereiche umfassen, nicht nur die militärischen. Es geht um
Rüstungskontrolle und Abrüstung, um vertrauensbildende Maßnahmen, es geht um
Kooperation in allen Bereichen, es geht um Regeln und Sanktionen bei
Regelverstoß für die globale Wirtschafts- und Finanzordnung. Es geht um die
gemeinsame Beantwortung der globalen Herausforderungen beim Klimaschutz und
bei der Energieversorgung. Es geht um eine Weltordnung, die überall als
gerecht empfunden werden kann. Europa
hat die Aufgabe, die Gegensätze im OSZE-Raum zu überwinden – im Raum von
Vancouver bis Wladiwostok. Eine solche Politik der auch
sicherheitspolitischen Kooperation bestimmte die Politik der NATO in den
ersten Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges. Sie muss neu belebt werden. Das
muss geschehen im Bewusstsein der durchaus vorhandenen Meinungsverschiedenheiten,
die es zwischen EU und NATO einerseits und Russland andererseits gibt. Denn
dieser große Stabilitätsraum von Vancouver bis Wladiwostok, schließt ebenso
wie Europa, Russland ein und nicht aus. Die Absicht der Bundeskanzlerin,
gerade jetzt ein Gespräch mit dem russischen Präsidenten zu führen, ist ein
solches Bemühen. Wer auf das Denken und auf das Handeln seines Gegenübers
Einfluss nehmen will, muss ihn ansehen und darf ihm nicht den Rücken zukehren. Es
ist uns gelungen, mit Dialog und Zusammenarbeit, mit Rüstungskontrolle und
Abrüstung, mit einer Politik der Vertrauensbildung den Kalten Krieg politisch
zu überwinden. Wir sollten es auch heute in der gleichen Weise unternehmen. Russland
ist der natürliche Partner von EU und NATO und nicht der natürliche Gegner. Das
muss mit allen Aspekten gesehen werden - auch in Moskau. Nur so können
stabile Rahmenbedingungen entstehen, wie wir sie vor 20 Jahren erreicht
haben. Rahmenbedingungen, in denen mit der Überwindung des Kalten Krieges ohne
Verwerfungen die Bürgerinnen und Bürger im damals sowjetisch beherrschten
Raum ihr Selbstbestimmungsrecht ausüben konnten. Europa
ist heute gefordert, mit seinen Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg das
Zukunftsmodell zu präsentieren für eine neue gerechte Weltordnung. Es kann
aber auch unter Beweis stellen, dass Visionen Wirklichkeit werden können. Jetzt
geht es um globale Verantwortungspolitik durch globale Kooperationspolitik. Europa
hat die Mission, diese Vision Realität werden zu lassen. Es zeigt sich in der
Finanzkrise wie die Politik eines Landes, je größer um so
mehr, sich weltweit auswirkt zum Guten und zum Schlechten. Und das gilt für
alle Bereiche. Deshalb geht es um globale Verantwortungspolitik und nicht um Machtpolitik.
Europa hat Vision für eine neue Weltordnung. Es hat eine Mission, diese
Vision Realität werden zu lassen. Das alles verlangt bekennende Europäer, die
sich ihrer Verantwortung für Freiheit und Menschenwürde stellen. Es verlangt
Persönlichkeiten in den Mitgliedsstaaten und in den europäischen
Institutionen, die wissen, was jetzt die Verantwortung für Europa und die
Verantwortung Europas in der Welt verlangen. Aber es ist deren Verantwortung
nicht allein, diese Verantwortung tragen wir alle, jeder von uns. Wo immer er
lebt, was immer er denkt, was immer er tut. Die Menschen, die vor 20 Jahren auf
die Straße gingen und damit alle Europäer in der Hoffnung auf die Einheit des
Kontinents in Freiheit zusammenführten, haben Anspruch darauf, dass wir ihr
Vermächtnis erfüllen. Dieser Tag und diese Stadt sind Anlass genug daran zu
erinnern. |