D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

Ein Text, geeignet Aufsehen zu erregen. Bei Liberalen; und auch bei Sozialisten und Konservativen.

Beachtenswert der Sprachstil: Normaldeutsch, das nicht als anklagende, gar hämmernde Belehrung formuliert ist.

 

 

 

Liberale Perspektiven für das Superwahljahr 2009

 

Dirk Niebel, Generalsekretär der FDP.

 

 

 

Mit dem Traumergebnis von 16,2 Prozent bei den Landtagswahlen in Hessen sind die Liberalen optimal in das Superwahljahr 2009 gestartet. Auch wenn das Ergebnis natürlich auch landesspezifische Gründe hat, es geht doch ein klares Signal von diesen Wahlen aus: Mit der FDP ist wieder zu rechnen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der Beteiligung an nun fünf Koalitionen auf Länderebene regiert die FDP rund 55 Mio. Menschen, das sind mehr als zwei Drittel aller Deutschen. Die FDP hat damit an Stärke und Einfluss gewonnen und so auch an Sichtbarkeit. Wahrgenommen zu werden, ist ein zentraler Faktor für Erfolg. Eine günstige Ausgangsposition also für die nächsten Wahlkämpfe.

 

Einstellen muss sich die FDP allerdings darauf, dass mit Einfluss und Sichtbarkeit auch der Gegenwind stärker wird. Es war schon in den Tagen nach der Wahl zu spüren: Unsere Konkurrenten haben auf unseren Erfolg reagiert und die Tonlage verändert. Der Druck auf uns wird stärker, geschenkt wird uns nichts. Auch nicht vom möglichen zukünftigen Koalitionspartner. Darüber hinaus müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass in Zeiten, in denen die Stimmungen im Land wechseln wie sonst das Wetter im April, Wähler genauso schnell verloren werden können, wie sie gewonnen wurden. Sicher, die Umfragen der FDP liegen seit Monaten stabil deutlich jenseits der 10-Prozent-Marke. Aber die Hessen-Wahl hat erneut gezeigt, wie wenig Verlass auf die Demoskopie noch ist. Wenn wir unsere Erfolge bei den bevorstehenden Wahlen fortsetzen wollen, brauchen wir innerparteiliche Einigkeit, Klarheit und programmatische Substanz.

 

Festes programmatisches Fundament

 

Umso wichtiger ist es, dass die FDP – gerade angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Situation – programmatisch auf festem Boden steht. Unser Grundsatzprogramm, die Wiesbadener Grundsätze, hat immerhin schon elf Jahre auf dem Buckel. Da ist die Frage berechtigt, ob die dort formulierten Leitsätze im 21. Jahrhundert noch Bestand haben können. Das ist wichtig, denn neue Herausforderungen brauchen neue Antworten. Was wir aber nicht tun müssen, ist unsere Werte und Prinzipien neu zu definieren. Der Liberalismus beruht auf einem stabilen Wertesystem, das unabhängig vom politischen Tagesgeschäft und vom Zeitgeist besteht. Die zentralen liberalen Werte, so wie sie seit der Aufklärung definiert sind, müssen nicht jedes Jahr neu erfunden werden: Freiheit und Verantwortung. Diese Werte bilden das solide Fundament, auf dem die Politik der FDP aufgebaut ist. Deswegen müssen wir nicht gleich alles einreißen, wenn die Zeiten stürmisch werden. Wir müssen unser Haus nur wetterfest machen.

 

Das bedeutet, dass sich »Systemfragen« für uns nicht jedes Jahr neu stellen. Wir brauchen kein »Godesberg« oder »Leipzig«, um uns der sozialen Marktwirtschaft zu öffnen, wie das die großen Parteien gemacht haben.

 

Während diese beim ersten Anzeichen eines Sturms die Zelte von marktwirtschaftlichen Positionen abziehen und auf dem scheinbar sicheren Geläuf der Staatswirtschaft neu errichten, bleiben wir Liberale fest verankert. Natürlich passen wir unsere Politik neuen Erkenntnissen und neuen Herausforderungen an. Aber eben ohne den Kern unserer Werte zu ändern.

 

Liberale Werte sind nicht vom Zeitgeist abhängig

 

Wenn man weiß, auf welchem Boden man steht, fällt es ohnehin leichter, die eigene Politik kritisch zu hinterfragen und ggf. anzupassen. Das unterscheidet uns Liberale grundlegend von den Konservativen. Konservative achten nämlich in der Regel eher auf die äußere Form von Werten, nicht auf deren Substanz. Nehmen wir als Beispiel den Schutz von Ehe und Familie. Eine wichtige Frage auch für Liberale. Aber wir Liberale wissen eben auch: Die Ehe ist vor allem äußerer Ausdruck dafür, dass zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Die Verantwortung ist der Wert. Der Trauschein ist nur das äußere Symbol.

 

Während Symbole sich aber mit den Zeiten ändern, bleiben die Werte dieselben. Deswegen haben die Konservativen so große Probleme mit den veränderten Lebensformen in der modernen Gesellschaft. Für Liberale ist nicht der Trauschein entscheidend, sondern dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Das gilt für homosexuelle Beziehungen ebenso wie für Patchworkfamilien oder neue Formen generationenübergreifenden Zusammenlebens. Konservative tun sich schwer damit, dies anzuerkennen. Deswegen bleiben sie bei den gesetzlichen Regelungen von früher. Liberale dagegen nehmen den gesellschaftlichen Wandel zur Kenntnis und gestalten den staatlichen Rahmen entsprechend um. Denn es sind die Menschen, die entscheiden, wie sie ihre Werte leben wollen, nicht der Staat.

 

Gegenwärtig sehen wir Liberalen unsere zwei klassischen Domänen vom Zeitgeist bedroht: Rechtsstaat und Marktwirtschaft. Bedeutet das, dass wir unsere Vorstellungen revidieren müssen? Angesichts der terroristischen Bedrohungen scheinen die Fesseln des Rechtsstaates vielen als unangemessene Behinderung des Staates bei der Sicherung der inneren Sicherheit. Heute gehe es nicht mehr um den Schutz des Bürgers vor dem Staat, sondern durch den Staat. Müssen wir also Einschränkungen des Rechtsstaats akzeptieren, damit wir sicher leben können? Nein, denn für Liberale ist der Rechtsstaat kein Selbstzweck. Er dient gerade der Sicherung der Freiheit. Unabhängig davon, ob die Freiheit vom Staat, von Terroristen oder neuerdings von privaten Datenklauern bedroht wird. Natürlich muss der Staat uns Bürger schützen und auf neue Bedrohungen reagieren. Aber staatliches Handeln muss nach wie vor im rechtsstaatlichen Rahmen bleiben. Das bleibt die Messlatte.

 

Genauso wenig wie vom Rechtsstaat wenden wir Liberale uns von der sozialen Marktwirtschaft ab, nur weil einige Banker ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind. Wir sind ja nicht Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, weil einige Menschen dadurch reich werden können. Die soziale Marktwirtschaft ist vielmehr das einzige Wirtschaftssystem, das auf der wirtschaftlichen Freiheit beruht. Wirtschaftliche Freiheit aber gehört unabdingbar zur Freiheit dazu. Wenn einige wenige diese Freiheit missbrauchen, muss das sanktioniert werden. Die Regeln müssen so gestaltet werden, dass Missbrauch erschwert wird. Darüber kann man diskutieren. Die Freiheit insgesamt darf aber nicht zur Disposition gestellt werden. Davon sind wir Liberale zutiefst überzeugt.

 

Auseinandersetzung um die Freiheit

 

Auf diesem stabilen Fundament müssen wir unsere Strategie aufbauen. Das Superwahljahr bringt für Deutschland eine Richtungsentscheidung. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung um die Freiheit. Denn die Wahlkämpfe 2009 werden härter, grundsätzlicher und weltanschaulicher werden. Funktionale Argumente verlieren an Gewicht, eigenständige Positionen werden stärker denn je herausgestellt. Dass sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheit, dass sich auch Freiheit und Sicherheit nicht widersprechen, sondern sich im Gegenteil bedingen, muss deshalb unsere zentrale Botschaft im Superwahljahr sein. Freiheit vor Gleichheit, Erwirtschaften vor Verteilen, Privat vor Staat, Eigenverantwortung statt Staatsgläubigkeit, Chancengleichheit statt Gleichmacherei, das sind die Stichworte.

 

Wer mehr Freiheit und Chancengerechtigkeit in Deutschland will, braucht eine starke FDP. Mit dieser klaren Botschaft hat die FDP gute Chancen, ihr Potenzial bei den kommenden Wahlen auszuschöpfen. Analysen zeigen, dass zwei Drittel der Menschen glauben, dass unsere Probleme auf zu viel Marktwirtschaft und zu viel Freiheit beruhen. Ein Drittel aber leidet unter zu viel Staat, Reglementierungen und Verboten, unter wachsender Bürokratisierung, Steuer- und Abgabenlast. An diese Menschen richten wir uns; sie sind die Zielgruppe der FDP im Superwahljahr 2009.

 

Wenn wir diese Menschen erreichen wollen, ist es entscheidend, dass Form und Inhalt unserer Wahlkämpfe übereinstimmen. Die Menschen stehen im Mittelpunkt liberaler Politik. Sie müssen auch im Mittelpunkt unserer Wahlkämpfe stehen. Das bedeutet zweierlei: Erstens müssen wir die Kampagnenplanung vom Wähler, vom »Kunden« her denken. Das ist eine wichtige Lehre aus dem amerikanischen Wahlkampf. Die Bedürfnisse der Menschen sind deshalb der Maßstab für unsere Kampagne. Soll das gelingen, müssen wir zweitens die Partei für eine Mitarbeit öffnen und den Dialog mit den Bürgern intensivieren. Neben den üblichen Wahlkampfmitteln müssen wir deswegen noch stärker auf Dialogangebote setzen; z. B. durch eine stärkere Netzwerkorientierung, durch die Einrichtung eines »Mitmachzentrums«, durch verstärktes Dialogmarketing und natürlich durch die Nutzung all jener Möglichkeiten, die das Internet bietet.

 

Die FDP geht gut gerüstet in das Superwahljahr

 

Nichts ersetzt die persönliche Ansprache. Auch das hat sich in den vergangenen Wahlkämpfen nachhaltig bestätigt. Unsere wichtigsten Botschafter sind daher die Mitglieder und Mandatsträger vor Ort. Auch hier ist die FDP gut aufgestellt, denn wir sind in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen: Im Mai 2005 als ich die Verantwortung als Generalsekretär übernommen habe, hatte die FDP in den Parlamenten von Bund und Ländern 123 Mandatsträger, heute sind es insgesamt 200, mit Landesministern und Staatssekretären sogar 208, die Hessische Landesregierung noch gar nicht berücksichtigt. Im gleichen Zeitraum ist die Mitgliederzahl auf deutlich mehr als 65.500 angestiegen. Auch das trägt entscheidend dazu bei, dass die FDP gut gerüstet in das Superwahljahr geht.

 

Inhaltlich, strategisch und personell ist die FDP für die anstehenden Wahlkämpfe also hervorragend gerüstet. Durch den Erfolg in Hessen hat unsere Kampagne schon früh Fahrt aufgenommen. Wir sollten dieses Momentum nutzen, um unsere Position zu festigen und auszubauen. Die nächste Etappe ist die Europawahl.

 

Unsere Aussichten sind hervorragend, auch wegen der sehr guten Arbeit unserer Europaabgeordneten. Aber Vorsicht: Noch ist nichts gewonnen, und der nächste Gegner ist immer der schwerste. Bleiben wir auf dem Teppich. Bleiben wir unseren liberalen Werten treu. Dann haben wir die Chance, im Superwahljahr für die Menschen in unserem Land erfolgreich zu sein und den notwendigen Politikwechsel einzuleiten. Denn darauf kommt es an.