D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

 

Dirk Niebel, mit liberaler Geisteshaltung zur Abgrenzung von Augenmaß und Maßlosigkeit

Interview für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ veröffentlicht am
20.08.2007. Die Fragen stellten Nico Fickinger und Kerstin Schwenn.


Frage: FDP-Chef GUIDO WESTERWELLE und der Fraktionschef der Linkspartei, GREGOR GYSI, sind sich einig, dass die Lokführer mit 1500 Euro netto im Monat zu wenig verdienen. Schwimmen die Liberalen jetzt mit den Sozialisten auf einer Welle?

Niebel: Das hat doch nichts mit Sozialismus zu tun, wenn man das objektiv betrachtet. Ich kann verstehen, dass jemand, der Verantwortung hat für mehrere hundert Fahrgäste und mit 1500 Euro nach Hause kommt, das nicht lustig findet. Man sollte daher bei der Bahn über Aufgaben und Vergütungen reden. Das Hauptproblem ist doch, dass vom Konjunkturaufschwung beim normalen Bürger zu wenig ankommt, weil der Staat stärker als je zulangt.

Frage: Die Gewerkschaft Transnet hat für die Eisenbahner gerade Lohnsteigerungen von 4,5 Prozent vereinbart. Das ist doch eine ordentliche Beteiligung am Bahngewinn...

Niebel: Ich werde Ihnen nicht sagen, was ich für einen angemessenen Tarifabschluss hielte. Die Forderung der Lokführergewerkschaft GdL nach 31 Prozent mehr Lohn ist allerdings maßlos überzogen. Das ändert nichts daran, dass ich 1500 Euro für zu wenig halte.

Frage: Wenn 1500 Euro zu wenig sind – die Bahn spricht übrigens von 2100 Euro –, was wäre dann genug?

Niebel: Offenbar geht es um Von-Bis-Spannen. Ich werde mich jedenfalls nicht mit Zahlen einmischen. Vielleicht sollten manche Eingruppierungen überprüft werden. Das hatte die Bahn doch selbst schon mal vorgeschlagen.

Frage: Wollen sie mit Hilfe der Lokführer den Flächentarifvertrag kippen?

Niebel: Nein, das hat mit dem Tarifvertragssystem nichts zu tun. Es geht um die Frage, ob man kleineren Gewerkschaften die Möglichkeit gibt, eigene Regelungen für ihre Berufsgruppe zu verlangen, wie das bei Ärzten und Piloten der Fall ist. Aber das kann und soll die Politik nicht regeln. Gebraucht wird eine neue Balance von Tarifeinheit und Koalitionsfreiheit, die ja bedeutet, dass man sich nicht nur im DGB zusammenschließen darf.

Frage: Muss man das Streikrecht der Berufsgewerkschaften einschränken, wenn zu große volkswirtschaftliche Schäden drohen?

Niebel: Ich bin grundsätzlich gegen eine Einschränkung des Streikrechts durch den Gesetzgeber oder die Gerichte. Ich setze auf die Verantwortung der Gewerkschaften, egal ob sie groß oder klein sind.

Frage: Herr WESTERWELLE hat kürzlich die Gewerkschaften als Plage bezeichnet...

Niebel: ... er hatte einige Gewerkschaftsfunktionäre so genannt. Das ist ein wichtiger Unterschied!

Frage: ... jetzt aber lobt der nordrhein-westfälische FDP-Chef ANDREAS PINKWART die Gewerkschaften für ihre moderate Tarifpolitik. Wie passt das zusammen?

Niebel: Ganz einfach: Man darf nicht die Gewerkschaften gleichsetzen mit einigen Funktionären, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Ein Grund, dass es uns wirtschaftlich besser geht und Deutschland Anschluss an die Weltwirtschaft gefunden hat, ist die moderate Lohn- und Tarifpolitik. Arbeitnehmer und Gewerkschaften haben aus wirtschaftlicher Notwendigkeit sehr vernünftig gehandelt. Das ist also kein Schröder- und kein Merkel-Aufschwung...

Frage: ... sondern einer der Gewerkschaftschefs BSIRSKE und PETERS?

Niebel: Nein, das ist ein Aufschwung der Arbeitnehmer. Wenn es den Betrieben jetzt wieder gut geht, müssen die Arbeitnehmer am Erfolg beteiligt werden – aber nicht durch eine Lohnerhöhung, die auch in schlechten Zeiten mitgeschleppt wird, sondern mit erfolgsabhängigen Lohnkomponenten.

Frage: Erst verlangen sie eine moderate Tarifpolitik, dann wollen Sie mehr Geld für die Lokführer. Wie passt das zusammen?

Niebel: Ich sage noch einmal: Ich verstehe die Lokführer, aber 31 Prozent sind zu viel. Ich habe mit keiner Silbe gesagt, die Gewerkschaften hätten alles richtig gemacht. Modernere und flexiblere Regelungen im Arbeitsrecht haben sie massiv blockiert.

Frage: Die FDP kämpft für Flexibilität am Arbeitsmarkt. Doch in Nordrhein-Westfalen, wo sie an der Regierung beteiligt ist, trägt sie tarifliche Mindestlöhne mit. Arbeitsminister Laumann erklärt immer mehr Tarifverträge für allgemeinverbindlich, erst für das Hotel- und Gaststättengewerbe, dann für das Wach- und Sicherheitsgewerbe.

Niebel: Wann ist Herr Laumann denn in die FDP eingetreten?

Frage: Er ist weiter in der CDU. Aber am Kabinettstisch sitzen ja auch FDP-Politiker.

Niebel: Aber ich nicht! Ich sage deutlich: Mindestlöhne sind maximaler Unsinn, egal ob gesetzlich oder tariflich vorgeschrieben, weil sie die Beschäftigungschancen von Geringverdienern senken. Die FDP auf Bundesebene fordert seit langem, die Allgemeinverbindlichkeits-Erklärung abzuschaffen. In einer Koalition gibt es jedoch immer den Zwang zum Kompromiss.

Frage: Die FDP lehnt auch die „Rente mit 67“ ab.

Niebel: Stimmt. Da sind wir im Ergebnis mit den Linken einig, aber aus unterschiedlichen Gründen. Wir wollen dafür sorgen, dass man mit Abschlägen auch mit 60 Jahren in Rente gehen, aber auch mit Zuschlägen über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten kann. Franz Müntefering macht das ja vor: Der ist 67 und hört noch immer nicht auf.

Frage: Auch Ihre Forderung, unsichere Kernkraftwerke abzuschalten, ...

NIEBEL: ... das haben wir immer schon gesagt!

Frage: ... klingt wie eine Anbiederung an die Bevölkerung, in der nach Umfragen ein Linksruck zu erkennen ist. Ist der soziale Anstrich der Preis für eine künftige Regierungsbeteiligung der FDP?

Niebel: Warum sollten wir nach links rücken, wenn uns in der Mitte so viel Platz gemacht wird? Die SPD ist im Stellungskrieg mit den Linken, um ihre Wählerschaft nicht komplett zu verlieren. Die Grünen fragen sich, ob sie in der rot-grünen Koalition alles richtig gemacht haben, von Sozialreformen bis zu Militäreinsätzen, weil sie Angst haben, dass die Kommunisten an dieser Wählerklientel knabbern. Und in der Union hören sie wirtschaftlichen Sachverstand fast gar nicht mehr, nur noch die Sozialausschüsse.

Frage: Die Bundesregierung will das Land gegen ausländische Investoren schützen, die FDP unterstützt das. Passen Schutzzäune zu einer liberalen Partei?

Niebel: Es muss aus staatspolitischen Erwägungen einige Schlüsselbranchen wie die Rüstungsindustrie geben, die gesondert behandelt werden. Ich muss als deutscher Politiker immer erst die deutschen Interessen im Auge haben. Entscheidend ist, wie dieser Schutz ausgestaltet wird. Eine Anmeldung ist ein probates Mittel. Hier kann man von Fall zu Fall entscheiden, ob Wissensvorsprünge in zentralen Branchen verloren gingen. Eine Genehmigungslösung, wie sie die anderen Parteien vorschlagen, würde den freien Markt dagegen wesentlich einschränken.

Frage: Sollen sich Russen oder Araber an der Deutschen Bahn beteiligen dürfen?

Niebel: Die Frage stellt sich nicht, da wir für eine Trennung von Netz und Betrieb sind. Wenn das Netz staatlich bleibt, ist mir völlig egal, wer darauf fährt.

Frage: Und wenn Netz und Betrieb nicht getrennt werden?

Niebel: Dann schauen wir mal, was der Bundespräsident und das Verfassungsgericht dazu sagen. Deshalb will ich über potentielle Investoren nicht spekulieren.

Frage: Am Donnerstag versammelt sich das Bundeskabinett in Meseberg. Was ist von dem Koalitionsgipfel zu erwarten?

Niebel: Bei der Bundeswehr habe ich gelernt, dass man Manöverkritik immer mit der guten Nachricht beginnen muss. Wenn alles schief ging, hieß es damals: Gut war, dass niemand einen Waldbrand verursacht hat. Schlecht war... Und dann kamen die Punkte eins bis zehn. So wird auch die Bilanz von Meseberg aussehen.