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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Deutsche Sozialpolitik ist gut gemeint und schlecht
gemacht Rheinischen Merkur, 26.09.2008 In der Berliner Chausseestraße gibt es einen
Supermarkt, vor dem sitzt oft ein Bettler. Vor ihm liegt ein abgewetzter Hut
für die milde Gabe. Tag für Tag wiederholt sich die Szene tausendfach in Deutschland.
In Berlin genauso wie in Gelsenkirchen, Dresden, Würzburg oder Kiel. Und
immer gleich sind die Reaktionen der vorbeihastenden Passanten. Die einen
wenden verschämt den Blick zur Seite, ignorieren den Bettler und eilen mit
schlechtem Gewissen weiter. Die anderen kramen in ihren Taschen, nicht minder
beschämt, und werfen ein paar Cent in den Hut. So edel die Motive sein mögen,
auch die freundlichen Spender wissen, dass sie eher ihr schlechtes Gewissen
beruhigt haben, als dem Bettler wirklich geholfen. Der Bettler wird morgen
wieder hier oder irgendwo sitzen, vor ihm der gleiche alte Hut. Nur die
Passanten wechseln. Vater Staat ähnelt dem Spender: ein edles Motiv,
keine nachhaltige Wirkung. Meist glaubt die Politik, auf jeden sozialen
Missstand mit dem Versprechen neuer staatlicher Leistungen antworten zu
müssen. Heute verwalten rund 40 verschiedene staatliche Stellen mehr als 130
unterschiedliche steuerfinanzierte Sozialleistungen. Der aktuelle
Armutsbericht der Bundesregierung lässt erhebliche Zweifel an der Effizienz
dieser Verteilungsmaschinerie aufkommen. Mehrwertsteuererhöhung, kalte
Progression und gestiegene Energiepreise haben dem Staat ein Einnahmeplus in
Milliardenhöhe beschert. Gleichzeitig sehen sich die Menschen erheblichen
finanziellen Problemen ausgesetzt, mehr und mehr auch solche, die bislang nie
damit gerechnet haben. Verbessern also höhere
Staatseinahmen die soziale Situation in Deutschland? Wir erleben das krasse
Gegenbeispiel. Es ist wie mit dem Bettler vor dem Supermarkt. Die Almosen im
Hut werden nie für ein Leben in Würde reichen. Gut gemeint ist das Gegenteil
von gut gemacht. Sozialpolitik braucht Herz, ohne Frage. Gute
Sozialpolitik braucht auch Verstand. Geld allein, die Summe der Zuwendungen
sichert keine Teilhabe. Was der Sozialstaat leisten kann und muss, das ist
zuallererst eine effiziente Bildungspolitik. Bildung ist die elementare
Voraussetzung für Freiheit. Bildung sichert Leistungsfähigkeit. Bildung ist
entscheidend für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Bildung schafft die
Voraussetzung für ein Leben in Freiheit und Würde auf einer gesicherten
materiellen Basis. Gut ausgebildete Menschen laufen weniger Gefahr, dauerhaft
auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein. Bildung vermittelt aber auch
Werte wie Verantwortungsgefühl, Gemeinsinn, Toleranz und Fähigkeiten wie
Kreativität und Flexibilität. Ein Gemeinwesen auf der Basis der Sozialen
Marktwirtschaft verkümmert ohne ausreichende Bildung. Sozialpolitik braucht ein effizientes Zusammenspiel
von Steuern und sozialer Sicherung. Steuersysteme sind auch immer ein Maß
dafür, ob und wie ein Staat die Leistung seiner Bürger anerkennt. Wer Geld
verdient für sich und die Menschen, für die er Verantwortung trägt, hat die
Anerkennung des Staates verdient. Ein niedriges, gerechtes und einfaches
Steuersystem würdigt die Leistung dieser Bürger. Das aktuelle deutsche
Steuersystem ist nicht sozial. Es würdigt allenfalls die Leistung eines guten
Steuerberaters. Ein gerechtes Steuersystem sichert die Existenz desjenigen,
der das Geld verdient, und die Existenz derjenigen, für die er Verantwortung
trägt. Es ist nicht einzusehen, warum das Existenzminimum für Kinder in
Deutschland nicht steuerfrei bleibt. Wer dagegen verstößt, diskreditiert
nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern auch die Erziehungsleistung der Eltern.
Ein Kinderfreibetrag unterhalb des allgemeinen Existenzminimums ist nicht
mehr als ein sozialpolitisches Feigenblatt. Ein gutes Sozialsystem sichert nicht nur die
materielle Existenz, sondern wahrt die Würde der Menschen. Für die meisten
ist es schon demütigend genug, überhaupt auf soziale Leistungen angewiesen zu
sein, sich als Bittsteller zu fühlen. Darüber aber gleich an mehreren Stellen
Rechenschaft ablegen zu müssen, trägt erst recht nicht zur Steigerung des
Selbstwertgefühls bei. Deshalb ist es wichtig, die steuerfinanzierten
Leistungen zusammenzufassen und als - sagen wir - Bürgergeld vom Finanzamt
auszahlen zu lassen. Unerlässlich ist es, über ausreichende Freibeträge
Anreize zu schaffen, eine Arbeit aufzunehmen und schließlich sein Leben
wieder komplett aus eigener Kraft zu meistern. Wer ein Sozialsystem verspricht, das auf Dauer die
Existenz seiner Bürger bedingungslos sichern soll, der täuscht alle – jene,
die dieses System stützen will, und jene, die es finanzieren. Es ist gut
gemeint, aber überfordert. Irreale Sozialpolitik ist und bleibt ein
Reparaturbetrieb. Moderne Sozialpolitik eröffnet Chancen. Je mehr sie nutzen
können, desto mehr kann jenen geholfen werden, die dazu wirklich nicht in der
Lage sind. Wer dem Bettler 10 Euro in den Hut wirft, mag ihm für ein oder
zwei Tage den Lebensunterhalt sichern. Ein Leben in Freiheit und Würde
sichert er ihm nicht. Der Staat und das Gemeinwesen sind stark, die das
beherzigen. |