D a s L i b e r a l e T a g e b u c h |
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Von Picht zu Pisa - "liberal"; Vierteljahreshefte für Politik und
Kultur, Heft 2002-4, von Rolf-Ulrich Kunze Das gebildete Deutschland sitzt auf dem Sofa und nimmt
übel. Kein Wunder. Die Ergebnisse der Pisa-Studie sind vor allem eines: sie
sind kränkend. Sie kränken Lehrer, sie kränken Eltern, Schüler und Studenten.
Diejenigen, die sich vor allen anderen gekränkt fühlen sollten, weil ihr
offensichtliches Totalversagen offenbar wurde, sind anscheinend kein bisschen
gekränkt: diejenigen Bildungs- und Wissenschaftspolitiker, die im Zeichen des
ideologischen Vorrangs der Gleichheit vor der Ungleichheit der Begabungen
seit Ende der 1960er Jahre die beispiellose Demontage eines Bildungs- und
Wissenschaftssystems in die Schul- und Universitätswirklichkeit umgesetzt
haben. Aber das ist weniger ein Kapitel der deutschen Bildungs- und
Wissenschafts- als Katastrophen- und Verfallsgeschichte, sondern eines der
wiederum und immer noch ideologischen Totalimmunität gegenüber jedweder
Kritik. Nichts wäre fataler, als aus der Pisa-Studie ähnliche
bildungspolitische Rundumschläge abzuleiten, als sie aus einem der
meistdiskutierten Bücher der 1960er Jahre tatsächlich abgeleitet worden sind:
aus Georg Pichts »Bildungskatastrophe «.[Georg Picht, Die deutsche
Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Olten/Freiburg i. Br. 1964.]
Aber das Fatale passiert, ja ist schon passiert. Picht hatte vor einer absehbaren
Akademikerlücke in der Bundesrepublik gewarnt, was einer rein quantitativ
verstandenen Bildungsförderungspolitik seinerzeit die passenden Argumente
lieferte: ebenso wie heute die Pisa- Studie den regierenden Bildungsreformern
Argumente für ihre verfehlte Reform des Bildungs- und Wissenschaftsbetriebs
zu liefern scheint. Allerdings handelt es sich hier nicht nur um
Parallelität, sondern um Kontinuität. Die Zerschlagung der, abgesehen von
immer und überall vorkommenden Ausreißern im Einzelfall, hocheffektiven und
leistungsorientierten Fakultäts- und Ordinarienstruktur der deutschen
Universität im ersten Reformschritt im Zeichen der »Demokratisierung« wird
heute im zweiten Reformschritt unter anderem durch die Abschaffung der
Habilitation und damit die politische Fremdsteuerung universitärer
Qualifikations- und Berufsmuster fortgesetzt. Um Missverständnisse zu vermeiden: der Kern von Pichts
Beobachtungen über Fehlleistungen des sekundären und tertiären
Bildungssystems - insbesondere über messbare, einer offenen demokratischen
Leistungsgesellschaft nicht angemessene soziale Asymmetrien im Zugang zur
höheren Bildung, die auch ein Liberaler wie Ralf Dahrendorf monierte [Ralf
Dahrendorf, Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive
Bildungspolitik. Osnabrück 1965.] – war ebenso zutreffend wie es der Kern der
Pisa-Aussagen über den Verfall zivilisatorischer und kognitiver
Basisfertigkeiten deutscher Schüler ist. Nur praktisch alle
bildungspolitischen Schlüsse, die man aus Pichts Beobachtung gezogen hat, waren
im Vergleich zum westlichen Europa und den USA so katastrophal falsch, dass
die prognostizierte Bildungskatastrophe seit den siebziger Jahren dann auch
eintrat, nur eben nicht als Ergebnis struktureller Defizite des »nationalen
Innovationssystems«, sondern vielmehr einer beispiellosen politischen,
hochideologisch motivierten Übersteuerung, deren Wirkungen Dietrich Schwanitz
schmerzhaft treffend auf den Punkt gebracht hat: »Die phantastische
Vorstellung, die ganze Gesellschaft von einem einzigen Sektor her reformieren
zu wollen, musste das Bildungssystem durch unrealistische Erwartungen
überlasten. So machte man den Fehler, die Universität im gleichen Moment zu
deregulieren, in dem man sie für die rebellischen Studentenmassen öffnete. Im
Zeichen des Egalitarismus gab man die Standards auf. Unterschiede der
Begabungen wurden als Unterschiede der Sozialisation uminterpretiert und
durch Zusatz-Studienzeiten kompensiert. Statt die neuen Massen durch hohe
Standards akademisch zu sozialisieren, wurde die Hochschule zur
Massenuniversität. Das musste zu einer großen Enttäuschung führen: Kaum
hatten die Massen die Bildungsprivilegien erobert, waren es keine Privilegien
mehr.« [Dietrich Schwanitz, Das Beste verhindert immer das Gute. Jenseits der
Kulturrevolution herrscht die Vergangenheit: Das Erbe von 1968, in: Die Welt
vom 4.4.1998, G1.] Freiheit hinter Gleichheit? In Fragen der Bildungs- und Wissenschaftspolitik sollte es
nicht darum gehen, recht haben zu wollen, sondern recht zu behalten. Die
Wirklichkeit und der Wählerwille korrigieren so unendlich vieles ganz von
allein: um die Gesamtschule braucht man, um nur ein Beispiel zu nennen, gar
nicht mehr ernsthaft zu streiten. Diese Debatte ist tatsächlich von
vorgestern. Brandaktuell hingegen wäre die merkwürdigerweise nicht
stattfindende Debatte um die Freiheit von Forschung und Lehre in Deutschland.
Denn eines darf nicht passieren: die endgültige Zurückstellung der Freiheit
hinter der Gleichheit im deutschen akademischen System und in seiner
institutionellen Spitze, der deutschen Universität, so wie es Rüdiger vom
Bruch mit Bezug auf Max Webers Kritik am deutschen Universitätsmodell aus
dessen berühmtem Vortrag »Wissenschaft als Beruf« als worst case scenario
zusammengefasst hat: »eine gewinnmaximierende Kapitalgesinnung ohne
unternehmerische Marktkonkurrenz, eine Bürokratie ohne zweckorientierte
Rationalität, eine Wissenschaft ohne (Lehr)Freiheit, eine plutokratische
Steuerung der Auslese ohne Unternehmergesinnung, ein staatlicher
Protektionismus ohne zweckrationale, also an innerwissenschaftlichen
Kriterien orientierte Qualitätssicherung.« [Rüdiger vom Bruch, Ist Humboldt
nach Amerika gesegelt? Transatlantische Beobachtungen eines
Universitätshistorikers, in: Humboldt. Die Zeitung der Alma mater
Berolinensis 42 (1997/98), Ausg. 2, Nov. 1997, S. 6 f., 6. Dazu auch das
Themenheft U.S.A. von Forschung & Lehre 4 (1998).] Der Wissenschaftler und Intellektuelle, der sich gegen die
zweckrational verfehlte, weil nivellierende, und zivilgesellschaftlich
bedenkliche, weil zentralistisch-autoritäre, nach dem schlichtesten Maßstab
für schlechte Politik schlechte, weil einmal gemachte Fehler wiederholende
und potenzierende Hochschulreformpolitik Edelgard Bulmahns nicht mit allen
politischen und publizistischen Mitteln wehrt, muss alle Selbstachtung
verloren haben. Außerdem dürfte er/sie sich wohl nie gefragt haben, warum die
Department-Struktur der amerikanischen Elite-Universitäten eine Kopie der
deutschen universitären Fakultäts- und Institutsstruktur war und ist und ob
der zu seiner/ihrer Alltagserfahrung gehörende durchschnittliche
Hochschullehrer der populistischen Karikatur des habituell autoritären,
notorisch ausbeuterischen, geld- wie prestigegeilen und selbstredend
stinkfaulen deutschen Professors entspricht, das der gegenwärtigen
Hochschuldienstrechtsreform offenbar zugrunde liegt und das die Mentalität
der regierenden Wissenschaftsreformer so imprägniert zu haben scheint wie
Heinrich Manns Karikatur vom deutschen Pauker in seinem »Professor Unrat« die
regierenden Schulreformer der 1970er Jahre geprägt haben mag. Wie auch immer - wer anfängt, diese und andere kritische
Fragen zu stellen, dürfte zu einem ziemlich gelassenen Urteil gelangen: Die
deutsche Bildungs- und Universitätslandschaft und ihre Träger haben die
Kraft, diese Reformer zu überleben, auch nachdem sie nicht abgewählt wurden.
Einen Erfolg hat Frau Bulmahn zweifellos mitzuverantworten; der Bremer
Historiker Paul Nolte brachte das auf den Punkt: »Der Geist flieht
links«.[Paul Nolte, Der Geist flieht links. Rot-grün verprellt
Wissenschaftler und Intellektuelle, in: FAZ vom 26.2.2002, S. 49.]. |