D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

 

Westerwelle-Interview für die „Frankfurter Rundschau“ 

12. September 2009


Die Fragen stellten Karl Doemens und Thomas Kröter



Frage: Herr Westerwelle, was ist los mit Ihnen? Seit Wochen klingen Sie so sozial weichgespült. Wollen Sie heimlich doch mit der SPD koalieren?

Westerwelle:  Offenbar hören Sie in diesem Wahlkampf genauer hin und stellen erstaunt fest, dass die meisten Klischees über die FDP nicht stimmen. Wir sind eine Partei für das ganze Volk.

Frage: Manch einer in Ihrer Partei glaubt schon, eine rot-gelb-rote „Spanien“-Koalition ausschließen zu müssen...

Westerwelle:  Das ist ein ziemlich kabarettistischer Einstieg für dieses Interview.

Frage: Wir zitieren nur FDP-Generalsekretär Dirk Niebel aus der Mittelbayerischen Zeitung vom Donnerstag.

Westerwelle:  Ich glaube, wir sind uns einig darüber, dass die Linkspartei unser strategischer Gegner ist und kein Partner.

Frage: Bemerkenswert ist trotzdem, dass die wirtschaftsliberale FDP wie die Linkspartei das Schonvermögen für Langzeitarbeitslose drastisch erhöhen und die Rente mit 67 abschaffen will.

Westerwelle:  Es ist sehr unfair, dass jemand, der mit Mitte 50 arbeitslos wird, bis auf 250 Euro pro Lebensjahr alles, was er sich für das Alter zurückgelegt hat, praktisch verliert. Weil wir für Leistungsgerechtigkeit eintreten, ist es angemessen, dass das Schonvermögen verdreifacht wird. Das werde ich unmittelbar nach der Bundestagswahl in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen.

Frage: Entspricht es nicht auch dem Gerechtigkeitsgedanken, die Zahldauer des Arbeitslosengeldes für Ältere auf 24 Monate heraufzusetzen, wie es die große Koalition getan hat?

Westerwelle:  Die Arbeitslosenversicherung ist kein Ansparvertrag, sondern eine Versicherung. Das sind unterschiedliche Dinge.

Frage: Also sollte die Zahldauer wieder einheitlich auf zwölf Monate begrenzt werden?

Westerwelle:  Ich bin dagegen, dauernd Gesetze zu ändern. Schließlich sind da Vertrauenstatbestände geschaffen worden.

Frage: Aber Ihr Wahlprogramm fordert die Verkürzung auf zwölf Monate.

Westerwelle:  Es gibt Dinge, die sind vordringlich. Dieses gehört nicht dazu.

Frage: Vordringlich aus Sicht der Regierung ist gerade die Rettung des Autobauers Opel. Weshalb gönnen Sie der großen Koalition nicht ihren Erfolg?

Westerwelle:  Nicht die Regierung rettet Opel, sondern Opel soll die Regierungsparteien retten. Wenige Tage vor der Bundestagswahl wird ein Ergebnis mit lauter Haken und Ösen, Unbekanntem und Kleingedruckten bejubelt. Das stinkt zum Wahlkampfhimmel. Die Einlassungen des Vertreters des Bundes und der Länder in der Opel-Treuhand waren vernichtend: Das ist eine Klatsche gegen die Bundesregierung gewesen. Ich fürchte, dass mit den Sorgen der Beschäftigten gespielt wird. Das ist unanständig.

Frage: Was hätte die FDP anders gemacht?

Westerwelle:  Wir hätten es von Anfang an nie akzeptiert, dass sich eine Regierung so einseitig an einen Investor fesselt. Wenn man mit zweien verhandelt und dem einen sagt, Du kriegst eh nicht den Zuschlag, dann kann der andere die Preise nach oben treiben. Das hat die Arbeitsplätze nicht sicherer gemacht, aber viele Steuermilliarden gefährdet.

Frage: Bislang hat aber gar nicht der Investor Magna die Preise nach oben getrieben, sondern der Mutterkonzern General Motors, der andeutete, er wolle Opel doch nicht verkaufen. Wäre das besser gewesen?

Westerwelle:  Als Oppositionspolitiker habe ich keinerlei Verhandlungen geführt. Deshalb kann ich auch nicht in einer Art Ferndiagnose die Einzelheiten bewerten. Eine Draufsicht zeigt aber, dass eine politische Lösung gefunden wurde und keine betriebswirtschaftliche. Auch die Äußerungen des Vertreters des Bundes und der Länder in der Opel-Treuhand zeigen, dass noch nichts gerettet ist. Das dicke Ende kommt nach der Bundestagswahl.

Frage: Ganz schön harter Tobak gegen Ihre Wunschkanzlerin. Glauben Sie im Ernst noch daran, mit der Steuererhöhungspartei CDU Ihre Steuersenkungsvorstellungen durchsetzen zu können?

Westerwelle:  Ich werde einen Koalitionsvertrag nur unterschreiben, wenn in ihm ein einfacheres, niedrigeres und gerechteres Steuersystem vereinbart ist.

Frage: Finanzminister Peer Steinbrück rechnet mit 300 Milliarden Euro Neuverschuldung in den nächsten Jahren und veranschlagt ihre Senkungsversprechen auf 90 Milliarden...

Westerwelle:  Entschuldigung, aber Herrn Steinbrück akzeptiere ich nicht als Kronzeugen. Seine vorausgesagten Zahlen haben bisher nie gestimmt. Warum ausgerechnet diese?

Frage: Wenn Sie Steinbrück so misstrauen, heißt dass: Nach der Wahl muss es erst mal einen Kassensturz geben?

Westerwelle:  Ich fürchte, die Regierung hat uns in vielen Fragen vor der Wahl keinen reinen Wein eingeschenkt: Das wahre Ausmaß der Arbeitslosigkeit wird mit allen möglichen Programmen verschleiert. Was die Schulden angeht, kursieren ebenfalls erschreckende Schattenzahlen...

Frage: ... die eine Steuerreform am Ende leider doch unmöglich machen könnten?

Westerwelle:  Nein. Die kommt. Denn sie schafft Wachstum. Und nur das erhöht die Staatseinnahmen. Richtig ist: Die komplette Strukturreform braucht Zeit. Eine ganze Legislaturperiode. Aber drei Dinge passieren sofort: Erstens die Entlastung der Familien. Zweitens gehen wir die kalte Progression an, damit nicht jede Gehaltserhöhung durch die nächste Steuerstufe aufgefressen wird. Und wir ändern die Erbschaftssteuer für den Übergang von Familienbetrieben.

Frage: Sonst gehen Sie in die Opposition?

Westerwelle:  Wir setzen es um. Es sieht doch so aus, als würden wir vom Wähler mit genügend Muskeln ausgestattet, um uns am Koalitionstisch durchzusetzen.

Frage: Aber so viele Muskeln müssten doch auch für die liberale Bändigung der SPD reichen.

Westerwelle:  Ich verstehe nicht, wie die SPD mich morgens zum Teufel erklären kann und abends mit der FDP eine Ampelkoalition machen möchte.

Frage: Muss aus Ihrer Sicht nicht jede Regierung mit der FDP besser sein als eine ohne sie?

Westerwelle:  Bei SPD und Grünen läuft am Ende alles auf eine Mehrbelastung der Bürger hinaus – und da bin ich auf beiden Ohren taub. Union und FDP haben so viele Schnittmengen, dass sie schnell eine solide und gute Regierung bilden können. Mit SPD und Grünen ist das in deren Verfassung nicht möglich.

Frage: Und wenn die Wähler es anders wollen?

Westerwelle:  Entweder es gibt eine bürgerliche Mehrheit von Union und FDP oder eine linke Mehrheit. Dann bekommen wir über kurz oder lang auch eine linke Regierung.

Frage: Oder eine große Koalition.

Westerwelle:  Vielleicht. Aber nur für eine Übergangszeit von einem Jahr. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hätte sie ihre Schuldigkeit getan. Herr Wowereit steht schon bereit.