D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

Westerwelle Keine theoretischen Debatten

Interview für „Handelsblatt“ und „Handelsblatt online“,
14.08.2007
Die Fragen stellten Donata Riedel und Andreas Rinke



Frage: Herr Westerwelle, bereiten Ihnen ausländische Staatsfonds genauso viele Kopfschmerzen wie der Regierung?

Westerwelle Ich rate zur Differenzierung und zum Augenmaß. Dass ausländische Firmen in Deutschland investieren und sich auch an Firmen beteiligen wollen, ist Ergebnis einer sinnvollen Globalisierung. Auch deutsche Unternehmen haben größtes Interesse daran, Märkte zu erobern, vor Ort Firmen zu kaufen oder Fuß zu fassen – wobei die allermeisten Unternehmen selbst längst keine nationalstaatlichen Einheiten mehr sind. Etwas anderes ist es, wenn es um politische Einflussnahme durch Staatsunternehmen geht.

Frage: Also wollen auch Sie Hürden für unerwünschte Investoren?

Westerwelle Moment. Bisher handelt es sich um eine rein theoretische Debatte. Die Regierung hat das Thema doch auf die Tagesordnung gesetzt. Sie muss jetzt erst einmal sagen, ob es überhaupt praktische Relevanz hat. Wo konkret lauern denn angeblich gefährliche Beteiligungs-Projekte? Es darf keine gesetzgeberische Tätigkeit ins Blaue hinein geben. Wenn der Bundeswirtschaftsminister alle Beteiligungen von mindestens 25 Prozent an großen Unternehmen gemeldet haben will, nur weil es ausländische Investoren sind, dann ist das nicht überzeugend. Will die jetzige Bundesregierung Investitionen der russischen Gasprom auf dem deutschen Markt verhindern, nachdem die Schröder-Regierung Gasprom dazu eingeladen hat? Gegen Monopole hilft das Kartellamt, unter Umständen muss man das Kartellrecht auch verschärfen. Aber Kapitalverkehrskontrollen sind schlecht für den Markt und schädlich gerade für Deutschland.

Frage: Sehen Sie den Wunsch nach Mitsprache des Staates eigentlich als isoliertes Phänomen?

Westerwelle Nein, es hat in Deutschland immer eine gewisse Tendenz zu mehr Staatsinterventionen gegeben. Dies hat auch die Union als Regierungspartei erfasst. Ihr sitzt der Schock von 2005 noch in den Gliedern, weil viele Christdemokraten fälschlicherweise glauben, das damalige schlechte Wahlergebnis liege an einem zu deutlichen Plädoyer für die soziale Marktwirtschaft.

Frage: Was befördert denn die neue Staatsgläubigkeit?

Westerwelle Für einige sicher das Feindbild der Globalisierung, die in Wahrheit eine Chance darstellt. Aber in der SPD, bei den Grünen und in der Linkspartei sprechen ja einige von „Globalismus“, als ob es sich um eine Ideologie und nicht um einen realen Prozess handeln würde. Das treibt die Sehnsucht nach einer Revitalisierung des Staates an, die verhängnisvoll ist. Denn was ist, wenn sich, wie Ralf Dahrendorf es einmal formuliert hat, der wohlwollende Staat als teurer Versager herausstellt?

Frage: Der Staat soll sich also aus allem heraushalten?

Westerwelle Nein. Ich bin sogar für einen starken Staat, aber stark ist nur jener Staat, der sich auf seine Kernaufgaben konzentriert. Die Bundesregierung hat in den vergangenen zwei Jahren aber nahezu sämtliche Fragen mit mehr Staat beantwortet. Nehmen Sie das Gesundheitssystem mit dem bürokratischen Monstrum des Fonds. Neben der Bundesagentur für Arbeit erhalten wir also auch noch eine Bundesagentur für Gesundheit. Nehmen Sie das umbenannte Antidiskriminierungsgesetz, das Frau Merkel vor 18 Monaten zwar noch heftig kritisierte, das die Union dann aber ohne Not durch den Bundestag gewinkt hat. Die staatliche Bevormundung nimmt zu. Die Kehrseite ist
die Entmündigung der Bürger, auch durch eine insgesamt steigende Abgaben- und Steuerlast.

Frage: Die Regierung will doch den Arbeitslosenversicherungsbeitrag weiter senken.

Westerwelle Nur nicht weit genug. Die Überschüsse der Bundesagentur für Arbeit sollten den Unternehmen und Arbeitnehmern so weit wie möglich zurückgeben werden, denn diesen beiden gehört das Geld. Eine Senkung auf 3,5 Prozent ist sofort machbar, und dadurch würden Pensionsrückstellungen für die BA-Beamten und Rücklagen für eine schlechtere Konjunktur in keinster Weise angetastet. Es gibt also Spielräume für eine noch weitergehende Beitragssenkung.

Frage: Sehen Sie weitere Möglichkeiten für Entlastungen?

Westerwelle Die Regierung sollte auf der Kabinettsklausur in Meseberg Ende diesen Monats über eine Steuer-Strukturreform und eine Steuer-Entlastung reden. Wir brauchen dringend ein einfacheres, niedrigeres und gerechteres Steuersystem. Die FDP unterstützt ausdrücklich Bundeswirtschaftsminister Glos, wenn er in Interviews Steuersenkungen fordert. Die Bürger müssen eine Aufschwungdividende durch eine Entlastung im

Geldbeutel spüren. Wenn heute eine große Mehrzahl der Bürger sagt, bei ihnen komme vom Aufschwung nichts an, dann lässt sich dies nur durch das Prinzip ändern: Mehr Netto vom Brutto. Es ist nur so: Als Oppositionsvertreter habe ich die Macht des Wortes. Von einem Regierungsmitglied wie Herrn Glos erwarte ich aber Beschlüsse. Politiker, die nur fordern, aber nicht durchsetzen wollen, was sie selbst für richtig halten, sollten zum Theater, aber nicht in die Regierung gehen.

Frage: Sofortige Steuersenkungen würden doch die Haushaltskonsolidierung gefährden…

Westerwelle Sie haben sich von der Regierungspropaganda beeindrucken lassen. Ein neues Steuersystem gefährdet nicht die Konsolidierung, sondern ist sogar deren Voraussetzung…

Frage: Das klingt jetzt wie liberale Propaganda…

Westerwelle Dass es funktioniert, ist aber in der Welt und selbst in Deutschland mehrfach bewiesen worden. Österreich hat uns doch vorgemacht, wie man durch ein neues Steuersystem und erhebliche Steuersenkungen Tausende Unternehmen auch aus Deutschland anlocken kann. Da sollte dem Bundesfinanzminister mehr einfallen, als nur zu sagen, das sei aber gemein. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Steuersenkung und Haushaltssanierung. Im Gegenteil: Steuersenkungen stärken und verlängern genau jenen Aufschwung, der mehr Investitionen und mehr neue Arbeitsplätze schafft und damit auch zu Steuermehreinnahmen des Staates führt.

Frage: Aber Sie riskieren bei Steuersenkungen doch im ersten Jahr Einnahmeausfälle. Die positive Wirkung tritt viel später ein.

Westerwelle Deshalb schlägt die FDP vor, jetzt eine Hälfte der Steuermehreinnahmen für den Schuldenabbau zu verwenden. Die andere Hälfte wird in einer Steuerstrukturreform den Bürgern zurückgegeben. Der Finanzminister hat aber nicht einmal den Ehrgeiz, schon jetzt einen ausgeglichenen Etat vorzulegen. Das wäre möglich. Stattdessen nutzt er die sprudelnden Steuermehreinnahmen, um die Ausgaben noch weiter zu erhöhen.

Frage: Würden Sie denn auch beim größten Brocken, den Sozialetats, sparen?

Westerwelle Das Niveau der Grundsicherung für Bedürftige sollte nicht abgesenkt werden. Ich weiß aus meiner Arbeit als Anwalt, dass niemand unter das Existenzminimum gedrückt werden darf. Wichtig ist dagegen eine Konzentration auf die wirklich Bedürftigen. Der Sozialstaat ist für Bedürftige da, nicht für Findige. Aber das Typische an der deutschen Debatte ist doch, dass sie das Schicksal vieler Leistungsträger ausblendet. Zentral ist, dass der Aufschwung bei der breiten, vergessenen Mitte unserer Gesellschaft endlich ankommt. Aber genau bei dieser Mitte kassiert Schwarz-Rot immer mehr ab.

Frage: Was erwarten Sie von dieser Regierung in den verbleibenden zwei Jahren?

Westerwelle Nichts mehr. Die Regierung wird vielleicht noch zwei Jahre im Amt sein, das Regieren hat sie aber bereits eingestellt. Dabei wären zwei Jahre Stillstand verheerend für Deutschland. Doch mehr als Formelkompromisse gelingen Schwarz-Rot
nicht mehr. Für mutige Politik fehlt SPD und Union alles: der gemeinsame Nenner, die rote Linie, die zündende Überschrift. Dabei weiß jeder, der ein Unternehmen führt, dass er Ziele ausgeben muss. Manchmal sogar visionäre.

Frage: Sie tun so, als würde die FDP die Zwänge von Koalitionsregierungen nicht kennen.

Westerwelle Tut mir leid, diese Regierung kann sich nicht damit herausreden, dass sie durch die parteipolitische Konstellation gelähmt ist. Wenn sie nicht mehr regieren kann oder will, muss sie die Regierungsverantwortung zurückgeben. Beide Regierungsparteien zeigen doch, dass sie längst auf neuer Brautschau sind.

Frage: Das klingt wie der Ruf nach Neuwahlen.

Westerwelle Besser als zwei Jahre innenpolitischer Stillstand wäre das allemal.