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s L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung
Originaldokumente aus „Das Liberale
Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Dr. Guido Westerwelle (FDP): Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Ich will zunächst eine Bemerkung an meinen Kollegen Volker Kauder
richten. Was Sie, Herr Fraktionsvorsitzender, lieber Volker, hier am Anfang
gesagt haben, finde ich an einer Stelle sehr schwierig und meiner Meinung
nach der Debatte auch nicht angemessen. Wir
befinden uns hier in einer Generaldebatte und streiten doch nicht über die
Qualität von Deutschland, sondern über die Qualität der Politik der
Regierung. (Beifall bei der FDP sowie der Abg. Renate Künast
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) - Volker Kauder (CDU/CSU): Richtig!) Wenn die Opposition die Regierung kritisiert, dann
redet sie Deutschland nicht schlecht, sondern wir sind genauso Patrioten. Ob
wir auf der Regierungsbank, in der Opposition oder in den
Koalitionsfraktionen sitzen, wir lieben unser Land. Deswegen wollen wir eine
andere Politik, um das an dieser Stelle klar zu sagen. (Beifall bei der FDP - Volker Kauder (CDU/CSU):
Unstrittig!) Frau
Bundeskanzlerin, Sie haben in Ihrer Rede im Grunde genommen tatsächlich
vorgebaut. Sie haben hier gesagt, 2009 werde das Jahr der schlechten
Nachrichten sein. Das ist natürlich eine politisch vorbeugende bzw.
vorsorgende Erklärung, die hier abgegeben worden ist. Weil das aber die
letzte Haushaltsdebatte sein wird, die wir in dieser Legislaturperiode führen
werden, möchte ich schon noch einmal an die großen Debatten erinnern, die wir
in den letzten Jahren geführt haben, also an die letzten drei
Haushaltsdebatten, seitdem die sogenannte Große Koalition im Amt ist. Jedes
Mal haben Sie sich hier hingestellt und gesagt, dass das Ihr Aufschwung ist.
Das war entweder einmal ein Schröder-Aufschwung, oder es war ein
Merkel-Aufschwung. Mit dem Abschwung wollen Sie nichts zu tun haben. Der
Aufschwung war Merkel, der Abschwung ist Bush. Das glaubt Ihnen niemand. Das
ist absoluter Unfug. (Beifall bei der FDP) Wir
brauchen keine Regierung, die vor schwierigen Zeiten warnt, sondern wir
brauchen eine Regierung, die in schwierigen Zeiten handelt. (Beifall bei der FDP - Dr. Norbert Röttgen
(CDU/CSU): Tun wir ja! - Steffen Kampeter (CDU/CSU): Zustimmung!) Das ist das Entscheidende, worum es geht. Wir
brauchen auch keine Regierung, die den Deutschen gut zuredet, sondern die
Deutschen brauchen eine Regierung, die Gutes für sie tut. Das ist das
Entscheidende, weshalb wir das, was Sie uns hier vorgelegt haben, völlig
anders bewerten. Natürlich
haben Sie nicht tatenlos herumgesessen. Sie sind verantwortungsvolle
Persönlichkeiten. Wer bestreitet das denn? (Steffen Kampeter (CDU/CSU): Frau Künast!) Natürlich haben Sie in Anbetracht einer Krise nicht
tatenlos zu Hause gesessen und Däumchen gedreht. Natürlich haben Sie sich
abgearbeitet. Das ist doch gar keine Frage. Wir kritisieren weniger, dass Sie
ein Sammelsurium von Maßnahmen gefunden haben. Das Problem Ihrer Regierung
ist, und zwar auch aufgrund der Uneinigkeit in Ihrer Koalition, dass Sie in
Wahrheit keinen gemeinsamen Weg mehr finden können. Herr
Kollege Kauder, Sie sagen, Sie fahren auf Sicht. Ich sage: Sie stehen mitten
im Nebel. Sie fahren auf Sicht, und Sie wissen nicht, wohin Sie wollen. (Beifall bei der FDP) Wer keinen
Standpunkt hat, der kann seinem Land auch keine Orientierung geben. Sie haben
keinen gemeinsamen Standpunkt mehr. Das drückt sich hier aus. Das ist alles
aus der Not geboren. Das mit dem Sammelsurium ist ja nicht etwa die Kritik
der bösen oppositionellen FDP, sondern das ist das, was Ihnen Ihr eigener
Wirtschaftssachverständigenrat sagt. Der Sachverständigenrat der
Bundesregierung sagt: Sie haben ein sinnloses Sammelsurium beschlossen. (Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Deshalb
wollen sie ihn abschaffen!) - Frau Kollegin Künast, das ist ein wichtiger
Zwischenruf, den Sie gerade gemacht haben. Der Sachverständigenrat der
Bundesregierung kritisiert die Bundesregierung, sagt, das, was Sie jetzt in
der Krise machen, sei putzig und ein sinnloses Sammelsurium, und die Antwort
der Koalition in Form von Herrn Kollegen Struck ist: Dann schaffen wir diesen
Sachverständigenrat eben ab. (Beifall bei der FDP - Beifall bei Abgeordneten der
SPD) Das kennen
wir aus der Antike: Man köpft den Boten, weil einem die Nachricht nicht
passt. Meine sehr
verehrten Damen und Herren, wir wollen einmal über das reden, womit Sie sich
an die Bürger und Bürgerinnen wenden. Das ist das, was Sie im Augenblick in
Anzeigen millionenfach verbreiten: Häkchenpolitik, acht Häkchen. Das ist das,
warum sich Deutschland keine Sorgen mehr machen soll. Das sind die viele
Millionen teuren Anzeigen der Bundesregierung, millionenfach herausgegeben
von Ihnen auf Kosten der Steuerzahler: Liebe Deutsche, macht euch keine
Sorgen. Wir haben acht Häkchen für euch gefunden. Acht Häkchen! Grund für
diese Häkchenpolitik ist in Wahrheit, dass immer dann, wenn die SPD in dieser
Großen Koalition ein Häkchen durchsetzen kann, auch die Union eines
durchsetzen möchte. Das ist in Wahrheit das Problem. Sie lähmen sich. Dabei
zeigt sich eines: Große Mehrheiten sind noch lange nicht zu großer Politik
fähig. Viel zu oft ist es nur sehr kleines Karo, was Sie hier fahren. (Beifall bei der FDP) Natürlich
kommt niemand aus der Opposition auf die Idee, der Regierung allen Ernstes
vorzuwerfen, sie habe den Abschwung verursacht. Wir werfen Ihnen doch nicht
vor, dass die Krise kommt. (Steffen Kampeter (CDU/CSU): Doch, Lafontaine hat es
erklärt!) - Herr Kollege Kampeter, mich für Herrn Kollegen
Lafontaine verantwortlich zu machen, ist ihm und mir gegenüber sehr
ungerecht. (Heiterkeit und Beifall bei der FDP) Ich glaube, das können Sie getrost zurücknehmen. (Steffen Kampeter (CDU/CSU): Okay, ich nehme es
zurück!) Wir werfen
Ihnen ja nicht vor, Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren von der
Bundesregierung, dass die Krise da ist. Wir wissen, dass sowohl der
Aufschwung als auch der Abschwung sehr viel mit der Weltwirtschaft zu tun hat
und dass wir nicht alles beeinflussen können. Wir würden uns auch überheben,
wollten wir diese Illusion bei den Bürgern hervorrufen. (Dr. Peter Struck (SPD): Richtig!) Aber das Entscheidende ist: Nicht, dass die Krise da ist,
kritisieren wir an der Arbeit der Bundesregierung, sondern wir kritisieren,
dass Sie in guten Zeiten, in den fetten Jahren für die mageren Jahre nicht
vorgesorgt haben und dass Sie jetzt, da die mageren Jahre weiß Gott vor der
Tür stehen - in Wahrheit sind wir mittendrin -, immer noch nicht beherzt handeln,
sondern sich immer noch mit einer Politik der kleinen Schritte
zufriedengeben. Sie merken gar nicht: Ihre Politik der kleinen
Schritte, die einmal von der Großen Koalition als neues Politikprojekt gelobt
wurde, ist eine Politik der eingeschlafenen Füße geworden, weil Sie sich
nicht mehr einig sind. Das ist das eigentliche Problem dieser Regierung. (Beifall bei der FDP) Nun wird
einem Abgeordneten der Opposition - das gilt für alle, wenn auch mit großen
Unterschieden -, wenn er hier spricht, immer der Vorwurf gemacht - wir haben
ihn eben auch gehört -: Sie reden ja nur, Sie handeln nicht. Was für ein -
entschuldigen Sie bitte - banaler Vorwurf! Die Opposition hat immer nur die
Macht des Wortes, und die Regierung hat die Pflicht zur guten Tat. An beiden
muss der Wähler sie messen. So ist es nun einmal in der Demokratie
aufgeteilt. (Ludwig Stiegler (SPD): So soll es auch bleiben!) Übrigens:
Tut mal nicht so, als wärt ihr als Regierungsabgeordnete auf die Welt
gekommen. Wir saßen bis vor drei Jahren noch zusammen. Da habt ihr es auch
nicht gemocht, wenn es immer hieß, ihr redet das Land schlecht. Also fangt
nicht an, so über uns zu reden, nur weil ihr jetzt drei Jahre auf der
Regierungsbank sitzt - wer weiß, wie lange noch, meine sehr geehrten Damen und
Herren. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Volker Kauder (CDU/CSU): Damals war es berechtigt,
jetzt ist es unberechtigt!) - Volker, ist geschenkt. Warten wir einmal ab, wie
lange noch! Macht ist ja begrenzt, und es ist nicht ausgemacht, ob einer
Kiesinger wird oder Kohl. Das muss man alles einmal abwarten. Wie es
weitergeht, entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Meine Damen
und Herren, ich möchte an der Stelle aber nicht nur uns einbringen, sondern
ich möchte, wenn Sie erlauben, noch darauf eingehen, dass es immer heißt,
international sei die Politik der Regierung unumstritten; das sei alles
wunderbar. Das entspricht nämlich nicht den Tatsachen. Wenn Sie
mit internationalen Gästen zu tun haben, die uns besuchen und die
anschließend von Ihnen besucht werden - weil Sie eine mächtige Frau sind,
will ich die Namen nicht nennen -, dann hört man schon einmal den Satz:
?First she came too late and then she was wrong?. (Zuruf von der CDU/CSU: Das stimmt doch gar nicht!) Diese
Meinung wird nicht nur in Großbritannien und in der Europäischen Union
vertreten, sondern das konnten alle Deutschen am Montag bei Ihrem Besuch in
Paris am Fernsehschirm verfolgen. Da steht die deutsche Regierungschefin, der
ich in Herzlichkeit zugewandt bin (Zurufe: Oh!) - ich darf Sie in aller Freundlichkeit bitten, durch
Ihr Raunen keine wirklich absurden Gerüchte in die Welt zu setzen -, (Heiterkeit bei der FDP) neben dem französischen Staatspräsidenten, sie
erzählen in großer diplomatischer Manier, was man immer so tut, nach dem
Motto ?Wir sind uns alle einig?, und dann sagt Frankreichs Präsident Sarkozy
- Angela Merkel steht daneben, und es gefriert ihr das Lächeln -: Wir sind
uns einig, dass wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen. Frankreich arbeitet
daran. Deutschland denkt darüber nach. (Heiterkeit bei der FDP) Das sind
die internationalen Bewertungen. Frau Bundeskanzlerin, das war kein Handkuss;
das war eine Ohrfeige. (Heiterkeit und Beifall bei der FDP) Das ist kein petit bisou - geringe Kenntnisse im
Französischen habe ich auch -; es ist eine massive Kritik an dem, was
vorgetragen ist. Es wird
immer wieder gesagt, das sei alles nur oppositionelles Gerede. Aber in Europa
wird das gemacht, was von der liberalen Opposition vorgeschlagen wird. In
Wahrheit sind Sie mit Ihrer Politik, die Steuern nicht zu senken, in Europa
die Exoten. Wenn Sie es
immer noch nicht verstanden haben, sollten Sie die Titelseite der
Süddeutschen Zeitung von heute lesen: ?Brüssel
drängt Merkel zu Steuersenkung?. Wir wollen eines festhalten: Die Europäer
drängen zur Steuersenkung. Unsere Nachbarländer wollen die Steuern senken.
Die Wirtschaftsverbände, Handwerksverbände und Verbraucherverbände in
Deutschland wollen die Steuern senken. (Zuruf von der FDP: Die FDP auch!) Der Wirtschaftsminister - unser Quantum Trost in der
Regierung - (Heiterkeit und Beifall bei der FDP sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU) will die Steuern senken. Die
Ministerpräsidenten Herr Müller und Herr Seehofer wollen die Steuern senken. Wir halten
Folgendes fest: Die SPD will nicht die Steuern senken. Die Grünen wollen
nicht die Steuern senken. Die Linkspartei will nicht die Steuern senken. (Widerspruch bei der LINKEN) Frau Merkel will nicht die Steuern senken. Frau
Merkel, Sie befinden sich in der falschen Gesellschaft. Da müssen Sie wieder
raus! (Beifall bei der FDP) Liebe
Kolleginnen und Kollegen der Union, Sie lachen jetzt, (Volker Kauder (CDU/CSU): Nein!) weil Sie sich darüber freuen;
denn Sie werden ganz mutig als Heldinnen und Helden der Unionsfraktion
nächste Woche auch einmal für Steuersenkungen stimmen dürfen - folgenlos auf
eurem Bundesparteitag. Ihr solltet aber nicht auf eurem Bundesparteitag
nächste Woche für Steuersenkungen stimmen, sondern im Deutschen Bundestag.
Das wäre eure Verantwortung für Deutschland. (Beifall bei der FDP) Der Sachverständigenrat und alle anderen empfehlen
das. Es heißt
immer, Deutschland habe kein Geld für Steuersenkungen. Mittlerweile macht
sich eine spannende Argumentation breit. Gehen wir doch einmal im Haushalt
der Frage nach, ob wir kein Geld für Steuersenkungen haben. Abgesehen davon
sollten wir aber festhalten, dass die Europäer Steuersenkungen durchführen.
Stattdessen erhöhen Sie die Steuern. Nach dem
von Ihnen gefundenen Erbschaftsteuerkompromiss, der mit neun zu elf Stimmen
unter Abwesenheit aller anderen CSU-Abgeordneten in der Landesgruppe mutig
beschlossen wurde, hat Finanzminister Peer Steinbrück einen bemerkenswerten
Brief verfasst. Wir halten zur Erbschaftsteuerreform eines fest - wie Sie
gemerkt haben, formuliere ich diplomatischer, seitdem wir dort zusammen
regieren -: Die Länder um uns herum reden nicht darüber, wie man die
Erbschaftsteuer erhöhen könnte, und sie verkünden auch keinen Sieg, wie es
Herr Steinbrück per Brief an die SPD-Abgeordneten geschrieben hat: Was für
ein Erfolg für die Sozialdemokraten! (Dr. Peter Struck (SPD): Ja genau! Ganz richtig!) Wir haben das Volumen der Einnahmen aus der
Erbschaftsteuer erhöht. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Ich halte fest, dass die Erbschaftsteuerreform ein
Erfolg der Sozialdemokraten in der Koalition ist. Ich finde ihn aber
furchtbar. Gerade deswegen kritisiere ich ihn an dieser Stelle. (Beifall bei der FDP) Was mir
nicht einleuchten will, ist die lustvolle Freude, mit der Sie einen solchen
Unfug bei der Erbschaftsteuer mitmachen. Die anderen schaffen die
Erbschaftsteuer ab, während wir darüber reden, wie man sie erhöhen kann. Nun
hat man einen großartigen Begriff gefunden, um der Verfassungswidrigkeit zu
entgehen: die Kernfamilie. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn ein Onkel
oder eine Tante Nichten und Neffen und wenn eine Schwester ihrem Bruder etwas
vererben will, dann gilt ein Freibetrag in Höhe von 20 000 Euro. Anschließend
werden Steuersätze von 30 bis 50 Prozent erhoben. Das ist in meinen Augen
eine Enteignung durch den Steuerstaat. Was dort stattfindet, ist unfair. Sie
werden das beschließen. Wie können Sie nur!? (Beifall bei der FDP - Zuruf von der SPD) - Sie haben eine andere Haltung dazu. Das ist auch
legitim. Aber Sie erlauben mir, dass ich unsere Haltung dagegenstelle. (Dr. Peter Struck (SPD): Es gilt immer noch
Meinungsfreiheit!) Nehmen wir
als Beispiel die Familienbetriebe. Sie tun so, als wäre alles prima.160
Familienbetriebe sagen: Um Gottes willen, lasst diesen Murks bei der
Erbschaftsteuer! Diese Familienbetriebe haben sich vor zehn Tagen schriftlich
an die Bundesregierung gewendet und gesagt: Wir werden gezwungen sein, ins
Ausland abzuwandern. - Das ist aus unserer Sicht ein ganz schwerer Fehler
zulasten der Familienbetriebe. Was machen Sie? Sie sagen: Wenn man zehn Jahre
den ererbten Betrieb mit derselben Lohnsumme, also mit der gleichen Zahl an
Arbeitsplätzen, die man im Durchschnitt in den letzten fünf Jahren hatte,
fortführt, dann ist man erbschaftsteuerfrei. Das ist absoluter Irrsinn; denn
jeder weiß, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten zehn Jahren
im Schnitt vermutlich schwächer sein wird als in den letzten Jahren. Jeder
weiß, dass niemand eine solche Garantie für zehn Jahre geben kann. Wir hatten
gute fünf Jahre. Diese sollen nun als Maßstab herhalten. Sie enteignen
Familienbetriebe und die betreffenden Familien. Das ist keine Belohnung der
Arbeitnehmer. (Beifall bei der FDP) Herr Kollege Kauder sagt an dieser Stelle: Wir
bedanken uns bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für ihren Fleiß. Was
haben Sie getan? Sie haben sich bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
in Deutschland mit der höchsten Steuererhöhung in der Geschichte dieser
Republik bedankt. Aus dieser Verantwortung werden wir Sie nicht entlassen.
Sie stehen für höhere Steuern und höhere Schulden. Solide ist etwas anderes. (Beifall bei der FDP) Sie
erklären uns ständig, warum Steuersenkungen - im Gegensatz zu anderen
europäischen Ländern - nicht möglich sind. Möglich ist aber Hilfe für
einzelne Unternehmen und Branchen. Das halten wir für falsch. Natürlich ist
es richtig, dass sich die Bundesregierung mit den Landesregierungen
zusammensetzt, wenn ein solches Drama wie bei Opel passiert. Es ist
sicherlich selbstverständlich - wer will das bestreiten? -, dass man, wenn
man Verantwortung für Zehntausende Bürgerinnen und Bürger, die um ihre
Zukunft bangen, trägt, Gespräche führt und sich darüber Gedanken macht, was
zu tun ist. Täten Sie es nicht, würden wir Sie mit Sicherheit kritisieren. Es
ist richtig, dass Sie das tun. Aber die Antwort, die Sie geben, ist falsch.
Was werden Sie denn machen? Heute ruft Opel. Morgen ruft das zweite
Unternehmen, das ebenfalls wichtig ist. Übermorgen ruft das dritte, dann das
vierte, das fünfte und das sechste. Es wird im nächsten Jahr Dutzende
Unternehmen geben, die in ernsthafte Schwierigkeiten gekommen sind. Wollen
Sie dann jedes Mal - Unternehmen für Unternehmen, Branche für Branche -
sagen: ?Dafür stellen wir als Regierung einen Scheck
aus?? Besser wäre es, nicht die Unternehmen an den Tropf der Subventionen zu
hängen, sondern für alle Branchen, für die gesamte Wirtschaft, für alle
Bürgerinnen und Bürger durch ein einfacheres und gerechteres Steuersystem mit
niedrigen Sätzen für mehr Dynamik zu sorgen. Das wäre die eigentliche
Aufgabe. (Beifall bei der FDP) Nun ist von
Mitte und Maß die Rede. Dann reden wir einmal über den Bundeshaushalt - Mitte
und Maß -, der das Schicksalsbuch der Nation ist. Herr Kollege Steinbrück,
Sie sind in der Rede, die Sie gestern gehalten haben, scharf und bitter
gewesen. Ich möchte Ihnen ehrlich sagen: Einen Vorwurf wie
?Rattenrennen? an die Opposition zu richten,
finde ich völlig unangemessen. Sie haben Worte wie Rattenrennen gewählt,
gesagt, wir suhlten uns, und Sie haben noch andere Säugetiere genannt, die
wir durchs Dorf treiben würden. Ich muss Ihnen sagen: Das ist Ihre
Angelegenheit. Ich finde, so etwas kann man in einer Wirtshausrede sagen,
aber hier ist das nicht angemessen. Aber so ist es halt. (Beifall bei der FDP) Herr Kollege Steinbrück, der Punkt ist: Sie hatten
eine riesige Chance. Sie hätten angesichts der genialen drei letzten
Konjunkturjahre ein wirklicher Finanzminister werden können. Sie hätten ein
Finanzminister werden können, der als der erste Finanzminister seit
Jahrzehnten in die Geschichte eingeht, weil er in guten Jahren mit seinem
Haushalt ohne Neuverschuldung auskommt. (Ludwig Stiegler (SPD): Sirenengesänge! Odysseus,
halte die Ohren zu!) Sie sind genauso wie Herr Eichel gescheitert. Das
erklärt auch die Aggression, Ihre Angriffe gegen die liberale Opposition, die
wir Ihnen an dieser Stelle aber nicht durchgehen lassen. (Beifall bei der FDP) Sie wissen es doch selber - und das hat nichts mit
mangelnder menschlicher Wertschätzung zu tun; wir schlagen vielmehr einen
anderen politischen Weg vor -: Sie setzen in dieser Woche hier im Deutschen
Bundestag einen Haushalt durch, der auf einem Wachstum von 0,2 Prozent
basiert. Niemand von Ihnen glaubt daran, dass wir im nächsten Jahr ein
Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent haben werden. Jeder von Ihnen weiß, dass
wir das nicht erreichen werden. (Dr. Peter Struck (SPD): Das ist falsch!) Jeder Kaufmann, der seine Bücher so frisieren würde,
landete vor Gericht. Wir erwarten auch von Ihnen, dass Sie endlich ehrliche
Zahlen vorlegen. Das ist das Mindeste, was man vor Ihrem Abgang verlangen
kann. (Beifall bei der FDP) 73
Milliarden Euro Schulden hat diese Koalition bei Steuermehreinnahmen von 160
Milliarden Euro gemacht, die sie in dieser Legislaturperiode von den
Bürgerinnen und Bürgern bekommen hat. Was wir machen müssen, ist relativ
klar. Was wir mit einem einfachen Plan - das ist nicht irgendein kleines
Häkchenkonzept - machen müssten, wäre, dafür zu sorgen, dass wir dem
Abschwung entgegenwirken, indem wir die Kräfte freisetzen, die in unserer
Volkswirtschaft schlummern. Dazu gehört erst einmal die Leistungsbereitschaft
unseres Volkes. Das geht nur, indem sich Leistung lohnt und indem wirklich
ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem alle für ihre
Leistungen belohnt, alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, alle
Mittelständler und alle Unternehmer, damit alle wirklich etwas von ihrer
Leistung haben. Ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem
müsste jetzt beschlossen werden. Sie werden es niemandem erklären können,
auch nicht auf Ihrem Parteitag, wenn die Union nächste Woche sagt,
Deutschland brauche Steuersenkungen. Es gibt in Anbetracht unserer
dramatischen Lage keinen Grund, damit noch ein Jahr zu warten. Es muss jetzt
gehandelt werden. (Beifall bei der FDP) Sie müssten
die Bremsen für Investitionen lösen. Ich will nicht alles aufgreifen, was
Frau Kollegin Künast gesagt hat. Ich teile vieles nicht, aber in einem Punkt
will ich ihr ausdrücklich recht geben, nämlich bei
der Kfz-Steuer. Die Kfz-Steuer auszusetzen, ist nun strukturell überhaupt
keine Antwort. Als ob irgendjemand einen Golf für 19 000, 20 000 Euro kaufen
würde, wenn er ein Jahr lang 109 Euro Steuern spart. Das, was Sie als
Nachlass anbieten, handelt jeder normale Bürger im ersten Verkaufsgespräch
unter der Überschrift ?Fußmatten? schon selber aus. (Volker Kauder (CDU/CSU): Da sehen Sie, wie niedrig
die Steuer ist!) Das ist absurd, und das wissen auch Sie. (Beifall bei der FDP) Das ist sehr weit weg vom Leben. Schauen Sie in die
Gesichter der Bürgerinnen und Bürger! Keiner von den Bürgerinnen und Bürgern
dort oben auf der Tribüne wird ein einziges Auto kaufen, nur weil Sie 109
Euro für ein Jahr nachlassen. Absurd ist das. Das weiß jeder. (Beifall bei der FDP) Welchen Weg man bei der Kfz-Steuer geht, darüber
müsste gestritten werden. Das tun wir dann auch. Aber Ihr Vorschlag ist gar
nichts. Was wir machen müssten, wäre, die Bremsen zu lösen, und das gilt
insbesondere für die Investitionen. Nehmen wir nur einmal die Investitionen im
Energiesektor: Wir reden nicht darüber, dass der Staat Geld ausgibt, sondern
wir reden nur darüber, dass Energieinvestitionen stattfinden, die sowieso
stattfinden müssen, Investitionen in Leitungsnetze, Gleichstromleitungen,
übrigens auch in den Bau von sauberen und modernen Kohlekraftwerken, damit
wir dreckige und alte abschalten können. Wenn Sie, die Regierung, nur diese
Bremsen, die Verwaltungs- und Genehmigungsbremsen in der Energiewirtschaft,
lösen würden, dann müssten Sie keinen einzigen Euro dazutun, und trotzdem
würden etwa 20 Milliarden Euro an Investitionen in unsere Volkswirtschaft
fließen. Das bedeutete Arbeitsplätze, und das wäre etwas, was in Deutschland
hilft. Auch das
muss ich Ihnen sagen, Frau Bundeskanzlerin: Es ist richtig, dass Sie das
Thema Bildung zu einem zentralen Punkt machen. Das ist doch vernünftig.
Übrigens - damit hier nichts missverstanden wird; das gilt ausdrücklich auch
für die beiden Damen im Kabinett, die in diesem Falle besonders mitwirken -,
es ist richtig, dass das von Ihnen sozusagen mit einem Ausrufezeichen
vertreten wird. Aber tun Sie bitte nicht so, als sei dieser Bildungshügel ein
Gipfel gewesen. Gut, wenn man flach im Gras liegt, dann ist auch ein
Maulwurfshügel ein Gipfel. (Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der FDP) Wenn Sie es ernsthaft als Erfolg, als Durchbruch verkünden, dass
Deutschland - das mache ich gar nicht an Parteien fest; da können wir die
Länder völlig zu Recht einbeziehen; ich sage das, damit wir da einig sind -
seine Bildungsinvestitionen bis zum Jahr 2015 von jetzt 8,9 Prozent auf 10
Prozent steigert, dann sage ich Ihnen: Sie sind nicht ehrgeizig genug für
unser Land. Wer sich damit zufriedengibt, gibt sich mit zu wenig
zufrieden. Das ist nicht vernünftig. (Beifall bei der FDP) Frau
Bundeskanzlerin, Sie haben viele Brücken bauen wollen. Sie haben über alles
gesprochen, über AfA, über Hauptschulen, über Piraterie, über CO2; aber Sie
haben nicht gesagt, wo Deutschland morgen stehen soll. Sie haben sich mit den
Themen unserer Zeit nicht wirklich auseinandergesetzt. Nicht wir sind
diejenigen, die in der Minderheit in Europa sind, nur weil wir hier im
Deutschen Bundestag in der Minderheit sind, wenn es um Steuersenkungen geht;
vielmehr gibt es in Europa eine klare Mehrheit. Es ist eine Mehrheit für
entschiedene Politik, für eine Entlastung der Bürgerinnen und Bürger. Es wird
Zeit, dass nicht nur Europa, sondern auch Deutschland eine solche, eine neue,
vernünftige Mehrheit bekommt. Ich danke
für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei der FDP) |