D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

 

Guido Westerwelle: Finanzkrise offenbart Staatsversagen

Handelsblatt, 26.09.2008, Fragen Daniel Goffart und Thomas Sigmund


Frage: Herr Westerwelle, die Finanzkrise befeuert die Kapitalismuskritik. Droht die FDP als Partei der Marktwirtschaft dadurch nicht in Misskredit bei den Bürgern zu geraten?
Westerwelle: Wir vertreten die soziale Marktwirtschaft. Die ist jeder Planwirtschaft überlegen. In den USA sollen jetzt die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden. Das hat mit sozialer Marktwirtschaft aber auch gar nichts zu tun. Deshalb müssen wir alle aufpassen: Die seit Jahrzehnten bewährte soziale Marktwirtschaft darf nicht durch Linksaußen in den Schmutz gezogen werden. Linke überall wollen die Situation ausnutzen, indem sie als Markt-Versagen darstellen, was Staats-Versagen war.


Frage: Angesichts des drohenden wirtschaftlichen Abschwungs und einer neu aufkommenden Gerechtigkeitsdebatte dürfte es aber für liberale Politik vor der Bundestagswahl nicht gerade leichter werden?
Westerwelle: Ganz im Gegenteil. In konjunkturell schwierigeren Zeiten rufen die Bürger wieder nach wirtschaftlicher Vernunft. Die ist in Deutschland wie in keiner anderen Partei bei der FDP als Anwalt der Mittelschicht vorhanden. Wir sind nicht gegen den Staat. Sonst wären wir ja Anarchisten, sonst würden wir ja auch Monopole akzeptieren. Das Wesen des Wettbewerbs besteht aus Freiheit und Fairness. Das sind die klaren Grenzen, die die soziale Marktwirtschaft dem Kapitalismus setzt. Wo die Rahmenbedingungen fehlen, versagt der Staat, nicht der Markt.


Frage: Ist das 700-Milliarden-Rettungspaket für die US-Banken wirtschaftlich vernünftig?
Westerwelle: Die Amerikaner müssen ihre Probleme lösen, und wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Wir Europäer werden jedenfalls nicht einigen US-Finanzjongleuren gute Steuergelder hinterherwerfen. Was die Bush-Regierung betreibt, hat wenig mit sozialer Marktwirtschaft zu tun, aber viel mit Umverteilung von unten nach oben.


Frage: Das hört sich aber jetzt wie Oskar Lafontaine an!
Westerwelle: Gott bewahre. Es sind übrigens amerikanische Kongressabgeordnete beider Parteien, die das Paket als unamerikanischen Sozialismus rügen. Und irgendwie erinnert das alles ja auch an Hugo Chavez. In den USA haben sich einige Investmentbanker die Taschen vollgestopft, und jetzt sollen dort ehrlich erarbeitete Steuergelder hinterher geworfen werden. Das ist weder frei noch fair, aber vielleicht in der Lage, in die die USA die Welt gebracht haben, unvermeidbar.


Frage: Und in Deutschland?
Westerwelle: In Deutschland haben einige Staatsbanken verantwortungslos Monopoly gespielt und Geld der Steuerzahler verbrannt. Wir haben die Fragen zu klären: Wer hat in der Regierung seine Aufsichtspflicht vernachlässigt, und wie verhindern wir, dass zukünftig nochmals Steuergelder in Milliardenhöhe verspielt werden? Das Staats-Versagen in den USA ist fehlende Regulierung, das Staats-Versagen in Deutschland ist fehlerhafte Aufsicht. Staatsbanken sollen Existenzgründern helfen, den Mittelstand fördern und Forschung finanzieren, aber nicht mit US-Immobilien pokern.


Frage: Die Debatte um neue Staatseingriffe und zusätzliche Regulierungen für die Finanzmärkte ist bereits im vollen Gang. Warum hört man da von den Liberalen keinen Widerspruch?
Westerwelle: Das ist ein falsches Verständnis von FDP-Politik. Liberale bejahen den Staat, sie wollen sogar einen starken Staat. Nur darf der nicht fett, ineffizient und teuer sein. Der Staat ist nur stark, wenn er sich auf seine Kernaufgaben konzentriert.


Frage: Was schlagen Sie vor?
Westerwelle: Eine bessere Regulierung und Kontrolle. Es kommt dabei wie in der Medizin auf die richtige Dosis an. Dass wir bessere Regelungen für mehr Transparenz auf den Finanzmärkten brauchen, sagen wir seit langem. Die großen Industrieländer sollten deshalb so schnell wie möglich über Missbräuche, das Aufbrechen von Kartellen, funktionierenden Wettbewerb und mehr Transparenz reden.


Frage: Gibt es einen Untersuchungsausschuss zur Bankenkrise und den versenkten KfW-Milliarden oder nicht?
Westerwelle: Das werden wir entscheiden, wenn der von uns selbst verlangte Rechnungshofbericht vorliegt. Die FDP will nicht Minister vorführen. Uns geht es darum, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholen kann.


Frage: Warum zögert die FDP seit Wochen eine Entscheidung über einen Untersuchungsausschuss hinaus?
Westerwelle: Weil es nicht um ein paar Bauernopfer geht. Die Bundesregierung kann sich nicht einfach in die Büsche schlagen und etwa sagen, die Überweisung von 350 Mill. Euro an Lehman Brothers sei halt so passiert – von den insgesamt rund 10 Mrd. Steuergeldern gar nicht zu sprechen. Wir müssen klären, ob uns Fakten verschwiegen werden, die wir nur durch einen Ausschuss bekommen können.


Frage: Für die Bayernwahl würde die Ankündigung eines Ausschusses auch nichts mehr bringen.
Westerwelle: Es stinkt zum Himmel, dass CSU-Chef Erwin Huber als bayerischer Finanzminister mit den Zahlen über die Verluste der Bayerischen Landesbank nicht rausrücken will. Herr Huber mauert und trickst, damit ihm sein Versagen kurz vor der Landtagswahl nicht um die Ohren gehauen wird.


Frage: Sie kämpfen für eine schwarz-gelbe Bundesregierung 2009?
Westerwelle: Ich kämpfe für eine starke FDP. Eine Koalitionsaussage werden wir kurz vor der Wahl beschließen, aber es ist kein Geheimnis, dass ich auf klare Verhältnisse und eine bürgerliche Mehrheit setze. Trotz ihrer Sozialdemokratisierung, ich denke da an Mindestlohn und Gesundheitsfonds, ist uns die Union derzeit noch immer näher als SPD oder Grüne. Es gibt aber keinerlei Grund, dass die FDP heute irgendeiner anderen Partei einen Blankoscheck ausstellt. Kein guter Geschäftsmann würde doch ein Jahr vor Verhandlungen seine Trümpfe auf den Tisch legen.