D a s   L i b e r a l e   T a g e b u c h

Sammlung Originaldokumente aus „Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de

 

 

 

 

Westerwelle:
Will gewinnen u.a. durch klare Führung im bunten Strauß


Interview für die Süddeutsche Zeitung, veröffentlicht am 04.08.2007
Die Fragen stellte Peter Blechschschmidt:


Frage: Wie haben Sie es geschafft, die Geschlossenheit in der FDP herzustellen?

Westerwelle: Die Art, wie ich den Vorsitz ausübe, besteht einerseits aus klarer Führung und andererseits aus dem Wissen, dass viele bunte Blumen auf der liberalen Wiese blühen. Die Mischung macht’s - weil die FDP entgegen mancher Behauptung eben nicht nur aus ihrem Vorsitzenden besteht, sondern viele starke Köpfe hat, deren unterschiedliche Temperamente und Ansichten ich die Ehre habe, zusammenführen zu dürfen.

Frage: Und wie sieht klare Führung aus?

Westerwelle: Indem man bei den großen Themen eben nicht moderiert, sondern führt.

Frage: Sie sagen, wo es lang geht?

Westerwelle: Ich sage zumindest, wo es meiner Meinung nach lang gehen sollte. Dem folgt manchmal ein schwieriger Diskussionsprozess. Am Schluss kommt es darauf an, dass man in heiklen Situationen den Mut hat, als Vorsitzender aus der Deckung zu gehen - bei vollem Risiko.

Frage: Aber Sie kennen auch die Kritik, dass Sie gelegentlich mit nicht abgestimmten Erklärungen vorpreschen oder umgekehrt Maulkörbe verteilen?

Westerwelle: Diese Kritik kenne ich. Zu einem Teil ist sie ja auch berechtigt. Aber wie soll man Vorsitzender sein, ohne diese Kritik in Kauf zu nehmen? Natürlich kann die FDP kein geschlossenes Bild abgeben - und das ist das, was die Wähler wollen -, wenn ich einer Partei vorstünde, die sich als unabgestimmtes Orchester mit lauter Solisten verstünde. Jede Partei braucht auch Disziplin.

Frage: Was, wenn es Ihnen nicht gelingt, Ihr Versprechen einzulösen, die FDP in die nächste Regierung zu führen?

Westerwelle: Ich arbeite daran, dass es uns gemeinsam gelingt. Dass es beim letzten Mal mit der schwarz-gelben Mehrheit nicht geklappt hat, lag bekanntermaßen an der Union, nicht an der FDP. Deswegen beschäftige ich mich auch nicht mit negativen Gedankenspielen. Da wäre ich längst auf der Verliererstraße. Ich will gewinnen.

Frage: Dazu soll ja wohl auch das Deutschland-Programm beitragen, das Sie im Herbst auflegen wollen. Welche Inhalte wollen Sie damit vermitteln?

Westerwelle: Die Regierung hat ja das Regieren weitgehend eingestellt. Alles Schwierige wird auf die lange Bank geschoben, es gibt nur noch dürftige Formelkompromisse wie bei der Gesundheit oder in der Pflege. Aus der Politik der ruhigen Hand ist die des eingeschlafenen Arms geworden. Wir finden, das ist nach nicht einmal der Hälfte der Legislaturperiode unverantwortlich. Wir wollen dem innenpolitischen Stillstand der Regierung ein Programm des Aufbruchs und des Handelns entgegenstellen.

Frage: Können Sie das ein bisschen konkreter sagen?

Westerwelle: Die Regierung lässt die Menschen am Aufschwung nicht teilhaben. Die Wirtschaft wächst, aber Schwarz-Rot kassiert ab. Eine Durchschnittsfamilie wird durch die Steuer- und Abgabenerhöhungen mit 1600 Euro im Jahr zusätzlich belastet. Damit gerade jetzt die Strukturen reformiert werden und die bessere Konjunktur sich für alle auszahlt, wollen wir ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem sowie eine Reform der sozialen Sicherungssysteme, die nicht auf Planwirtschaft setzt, sondern Freiheit und Wettbewerb gestattet. Die Familien sollen mehr netto vom Brutto haben. Weniger Bürokratie, mehr Beweglichkeit auf dem Arbeitsmarkt und eine mutige Wissenschaftspolitik für neue Technologien sind dringend nötig. Und wer den Umweltschutz ernst meint, sollte auf regenerative Energien und auf die friedliche Nutzung der Kernenergie setzen.

Frage: Und mit wem wollen Sie dieses schöne Programm umsetzen?

Westerwelle: (überlegt lange): Wir arbeiten daran, dass es klare Mehrheiten im Bundestag geben wird. Nach jetzigem Stand der Dinge gibt es, bei aller Kritik, immer noch mehr inhaltliche Übereinstimmungen mit der Union als mit SPD oder Grünen. Aber der Maßstab für künftige Koalitionsverhandlungen wird unser eigenes Programm sein.

Frage: Der Vorwurf der Untätigkeit an die Bundesregierung gilt zumindest nicht für die innere Sicherheit. Da hat sie ja noch eine Reihe von Gesetzesänderungen vor.

Westerwelle: Wolfgang Schäuble hat als Innenminister ein Amtsverständnis, das wir in keiner Weise nachvollziehen können. Ihm fallen ständig Bereiche ein, in denen man die Verfassung noch mehr stutzen könnte. Wir garantieren, dass Herr Schäuble in einer Regierung mit der FDP keinen Durchmarsch machen könnte. Der Innenminister steht ja nicht allein, dahinter steckt System. Es gibt die verheerende Tendenz, die Freiheit scheibchenweise sterben zu lassen. Schwarz-Rot setzt hier leider die Einschüchterungspolitik von Rot-Grün fort. Wer beispielsweise Journalisten verfolgen lässt statt jener, die ihnen Geheimnisse preisgeben, schießt weit über das Ziel hinaus. Der Vorwurf der Beihilfe ist absurd. Wir brauchen dringend eine gesetzliche Neuregelung zum besseren Schutz der Meinungs- und Pressefreiheit. Unser Gesetzentwurf liegt vor. Ich rufe Union und SPD auf, ihm endlich zuzustimmen.

Frage: Wenn es mit Ihrem Wunschpartner Union nicht reichen sollte, was wäre Ihnen die liebste Alternative?

Westerwelle: Ich hätte nach der letzten Bundestagswahl das sogenannte Jamaika-Bündnis (Union, FDP, Grüne) ernsthaft sondiert. Das gilt übrigens auch für Angela Merkel. Dass das nicht einmal ansatzweise geschehen ist, lag an Grünen und CSU.

Frage: Gerade bei der Kernenergie liegen doch zwischen Ihnen und den Grünen Welten. Wie wollen Sie da zusammenkommen?

Westerwelle: Deswegen bemühen wir uns ja, dieser Zusammenarbeit zu entgehen - durch klare Mehrheitsverhältnisse. Unter dem Druck der Linkspartei sehe ich bei den Grünen leider eine Fundamentalisierung: mehr radikalen Pazifismus, mehr radikale Ablehnung der Globalisierung.

Frage: Mit der Linken ist ein neuer Mitspieler auf dem Feld.

Westerwelle: Die ist ja nicht neu. Die sind auch beim letzten Mal gemeinsam angetreten - mit denselben Spitzen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Wir haben bei der Wahl 2005 als dritte Kraft die Linkspartei überrundet, und wir werden es auch beim nächsten Mal tun.

Frage: Erklärt sich der Erfolg der Linkspartei nicht auch daraus, dass viele Menschen zu den Verlierern des Aufschwungs gehören?

Westerwelle: Wieso hat denn die Linkspartei Erfolg? Sind deren Ausschläge in den Umfragen nicht eher ein Misserfolg der Sozialdemokraten, die noch nicht wissen, wie sie ihrer Ausfransung entgegenwirken sollen? Man soll die Reorganisationskraft der SPD aber nie unterschätzen. Wenn die SPD sich wieder auf eine pragmatische Politik besinnt - was ich übrigens einem Kurt Beck zutraue - und nicht mehr aus Angst vor Herrn Lafontaine von der eigenen Agenda 2010 Reißaus nimmt, dann ist auch das virtuelle Hoch der Linkspartei schnell vorbei. Wenn sich aber die SPD, und so kann man Herrn Steinmeier verstehen, auf Dauer als Juniorpartner der Union einrichtet, päppelt sie die Linkspartei hoch.

Frage: Im Herbst stehen Mandate für Auslandseinsätze der Bundeswehr zur Verlängerung an. Zunächst geht es um den Marineeinsatz im Libanon. Den hat die FDP mehrheitlich abgelehnt. Haben Sie Ihre Meinung inzwischen geändert?

Westerwelle: Diese Entscheidung werden wir in Ruhe vorbereiten. Unsere damalige Ablehnung einer deutschen Beteiligung - nicht des Einsatzes an sich! - war und bleibt richtig. Es ging ja auch um die Frage: Sollen deutsche Soldaten vor dem Hintergrund unserer Geschichte ausgerechnet im Nahen Osten mitwirken? Jetzt geht es nicht mehr um eine neue Entsendung - wir sind dort. Auf keinen Fall wird die FDP so tun, als gäbe es diesen deutschen Einsatz nicht.

Frage: Und wie stehen Sie zu den drei Afghanistan-Mandaten?

Westerwelle: Auch dazu werden wir uns eine Meinung bilden, wenn wir die Anträge der Bundesregierung kennen. Aber grundsätzlich sage ich: Wenn wir jetzt als internationale Staatengemeinschaft aus Afghanistan einfach abziehen würden, überließen wir das Land nur den Taliban. Und wer meint, wir Deutsche könnten rausgehen und die anderen würden dableiben, der übersieht, dass dann auch in anderen Ländern die Abzugsbewegung losgehen würde.

Frage: Noch eine Frage zum Bundespräsidenten. Die CDU ist Horst Köhler angeblich leid, die SPD lobt ihn angeblich nur, um Frau Merkel zu ärgern. Wäre das nicht eine gute Chance, im Jahr 2009 einen Kandidaten der FDP durchzusetzen?

Westerwelle: Die Diskussion über den nächsten Bundespräsidenten kann man getrost in den Herbst des nächsten Jahres vertagen. Wir haben einen Bundespräsidenten, der so überzeugend arbeitet, dass sogar die SPD ihren Frieden mit ihm gemacht hat. Ich freue mich darüber, dass der Herr Bundespräsident bei der Repräsentanz im In- und Ausland, aber auch in Wirtschafts- und Rechtsstaatsfragen in liberalem Geist denkt.

Frage: Das heißt, wenn Horst Köhler für eine zweite Amtszeit zur Verfügung stünde, könnte er auf Ihre Stimmen zählen?

Westerwelle: Zur Führung einer Partei zählt gelegentlich die Zurückhaltung und Moderation, oft die klare anführende Meinung und fast immer das Gespür für den richtigen Zeitpunkt.